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Aus Paderborn stammender Autor Jörg Ernesti veröffentlicht Buch über die vatikanische Außenpolitik seit 1870

Die Macht der päpstlichen Diplomatie

Paderborn

Der aus Paderborn stammende Augsburger Kirchengeschichtler Prof. Dr. Dr. Jörg Ernesti hat sich immer wieder gründlich mit der Stadt Rom, deren Geschichte und insbesondere mit der Papstgeschichte wissenschaftlich beschäftigt. Das ist auch deshalb zu verstehen, weil er viele Jahre in Rom lebte, studierte und damit gleichsam an den Quellen saß.

Von Klaus Zacharias

Jörg Ernestis Buch „Friedensmacht – Die vatikanische Außenpolitik seit 1870“ ist im Herder-Verlag Freiburg-Basel-Wien erschienen, umfasst 367 Seiten und kostet 34 Euro.

Sein neuestes Buch (Friedensmacht – Die vatikanische Außenpolitik seit 1870) über deutsche Spuren in Rom ist von besonderem Wert, weil es bisher eine entsprechende Untersuchung nicht gab, sieht man von gelegentlichen Hinweisen in Reiseführern ab. Mit diesem Buch hat er deutschen Romreisenden neue Perspektiven eröffnet.

Dass Ernesti als Theologe auch immer wieder den Vatikan im Auge hat, zeigen seine drei großen Papstbiografien (Leo XIII., Benedikt XV., Paul VI.), gewissermaßen als Vorbereitung auf sein neues Buch. Wesentlich ist dabei, dass die Päpste ihre politische Macht in Italien 1870 verloren haben, auch wenn mit dem Vatikanstaat 1929 ein kleiner neuer Staat geschaffen wurde, dessen Staatsoberhaupt der amtierende Papst ist. Diese Position nutzen die Päpste seitdem immer wieder, indem sie Bemühungen um politische Interessenausgleiche oder Friedensinitiativen anstellen. Als solche Kraft werden die Päpste bis heute geschätzt, auch von Staaten der nichtchristlichen Welt. Das verdeutlicht auch das Buchcover, denn es zeigt Papst Franziskus vor der Rednertribüne des UN-Gebäudes in New York.

In drei Teile gegliedert

Das Buch gliedert sich in drei Teile, überschrieben mit „Die Grundkoordinaten“, „Ein Gang durch die Geschichte“ und „Vatikanische Außenpolitik – Eine Standortbestimmung“. Bewusst geht es Ernesti um eine neue Perspektive, wobei der Einsatz der Päpste für Frieden, Gerechtigkeit und Menschenrechte in Vordergrund der Untersuchung steht. Das ist auch deshalb nahe liegend, weil die Päpste nach dem Ende des Kirchenstaates als politischer Machtfaktor ausgefallen waren, auch wenn sie den Verlust des politischen Einflusses bis zu den „Lateranverträgen“ 1929 sehr bedauerten. Gleichwohl gelingt es den Päpsten bis in die Gegenwart, die Weltpolitik durch Maßnahmen wie Friedensbotschaften mitzugestalten, wobei sie eher als moralische Instanz als politische Macht auftreten.

Einflussnahme auf Grundlage der „soft power“

Der Autor beginnt mit einem Überblick über die Entwicklung des Papsttums, um dann auf die Grundlagen der vatikanischen Diplomatie einzugehen, die auf der Grundlage der „soft power“ fußt und damit keine Macht, wohl aber Einflussnahme auf die aktuelle Politik nimmt, wobei der „Heilige Stuhl“ (der Papst und die Spitzen der vatikanischen Behörden) Völkerrechtssubjekt ist. Dazu kommt das Element der Kontinuität, so dass sich die Beteiligten auf die päpstliche Diplomatie einstellen können. Staatsrechtler sehen in ihr eine „moralische Großmacht“. Damit die vatikanischen Begrifflichkeiten (wie Konkordat) zu unterscheiden sind, erläutert Ernesti diese gründlich, werden viele doch oft synonym verwendet. Anschließend erläutert er den Aufbau der Kurie und deren Zuständigkeiten. Schließlich verweist er darauf, dass die Päpste von 1878 bis 1978 weitgehend über diplomatische Erfahrungen verfügten, was für den Einsatz dieser Positionen grundlegend sein sollte. Diese werden in das Weltgeschehen eingeordnet. Diese Grundpositionen werden näher untersucht, wobei der Autor die Amtszeiten der Päpste zum Maßstab nimmt. Sehr hilfreich ist der große Bildteil, der viele Textaussagen unterstreicht. Ein großer Material- und Quellenteil lädt zum Weiterstudium ein, zumal die Friedenssicherung nach wie vor eine wesentliche Aufgabe heutiger Politik ist. Dabei helfen kann der Blick auf die Bemühungen anderer Weltreligionen.

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