Im Projekt Wilhelmsdorfer Gärtchen in Bielefeld-Eckardtsheim beginnt am Pfingstsamstag die Saison

„Die Scheu vorm Gärtnern nehmen“

Bielefeld

Der Kohlrabi schwächelt noch ein bisschen. „Es könnte wärmer sein. Der April war sehr kühl“, kommentiert Marie Janßen mit Blick auf die einen halben Hektar große Fläche am Schlepperweg.

Kerstin Sewöster

Marie Janßen hat die Idee für das Wilhelmsdorfer Gärtchen entwickelt und damit voll ins Schwarze getroffen. Ulrich Wittrahm ist einer von 36 Mietern. Mehr als 20 Interessierte stehen auf der Warteliste für weitere Projekte. Foto: Thomas F. Starke

Doch insgesamt ist die 34-jährige Agraringenieurin sehr zufrieden mit ihrem Werk. Ordentlich in Reihen gepflanzt zeigt sich bereits das Grün von Blattsalaten, Zwiebeln und Radieschen. Im Wilhelmsdorfer Gärtchen, so hat sie ihr Gartenprojekt genannt, sprießt es unübersehbar.

Fürs Foto durfte Ulrich Wittrahm schon ein Radieschen kosten. Eröffnet wird die Saison erst am Pfingstsamstag. Foto: Thomas F. Starke

Am Pfingstsamstag übergibt sie die Fläche an 36 Mieter. Sie sind dann fürs Jäten von Beikraut – „das Wort Unkraut mag ich nicht“ – und vor allen Dingen fürs Ernten zuständig. Das Pflanzen hat im Vorfeld Marie Janßen übernommen, und sie sorgt während der nächsten Monate auch für die Bewässerung. Sie habe ein niederschwelliges Angebot schaffen wollen, sagt sie: „Ich wollte erst einmal den Full-Service bieten und die Scheu vorm Gärtnern nehmen“. Die große Resonanz habe sie dann aber doch überrascht. Aktuell gibt es eine Warteliste mit mehr als 20 Interessierten.

Ulrich Wittrahm hat Glück gehabt und ist Miet-Gärtner der ersten Stunde. Er selbst lebt in Eckardtsheim und damit sehr ländlich. Dennoch ist das Angebot des Wilhelmsdorfer Gärtchens ideal für ihn und seine Frau. „Wir haben einen schönen Garten, aber da stehen nur Bäume, die alles beschatten“, erzählt der 62-jährige Sonderschullehrer. Er habe schon immer den Wunsch gehabt, selbst etwas anzubauen, aber das habe nie geklappt. „Das Wilhelmsdorfer Gärtchen ist ein schöne Zwischenlösung mit jemandem, der einen betreut und berät“, ergänzt Ulrich Wittrahm, dem beim Anblick des frischen Grüns auf dem Acker „das Wasser im Mund zusammenläuft“. Ein bisschen sei das Konzept wie eine Gartenkolonie, sagt er mit Blick auf das erste Kennenlernen aller Garten-Mieter am Pfingstsamstag. Gut die Hälfte der Teilnehmer kommt aus dem Bielefelder Süden, der Rest aus der Stadt.

Auch Marie Janßen freut sich auf das erste Treffen. „Für mich ist das Projekt die perfekte Kombination. Ich kann gärtnern und komme mit Menschen in Kontakt“, sagt die Mutter von zwei Kindern, die für die Molkerei Gut Wilhelmsdorf arbeitet und unter anderem Hofführungen durchführt. Neben der Gartenfläche bietet das eingezäunte Grundstück auch genug Raum für Kaffeepausen und Fachgespräche unter Hobbygärtnern. Vier Quadratmeter Beetfläche stehen jedem Miet-Gärtner zur Verfügung. Für die Nutzung zahlt er pro Jahr 240 Euro. „Die Hälfte des Geldes ist für Saat- und Pflanzgut ausgegeben worden“, erläutert Marie Janßen.

Auch die Gartengeräte werden den Mietern zur Verfügung gestellt. Selbstverständlich wächst am Schlepperweg nur Bio-Gemüse. Das Grundstück, das gegenüber von Haus Ararat liegt, diente bislang der privaten Haltung von Schafen und anderen Nutztieren und ist jetzt in der so genannten Umstellungsphase. Die dauert zwei Jahre und beinhaltete diverse Bodenanalysen, dann können die Miet-Gärtner auch offiziell ihr eigenes Bioland-Gemüse ernten. Kunstdünger und Pestizide sind jedoch schon seit der ersten Stunde tabu. Mairübchen, Porree, Spinat, Buschbohnen, Erbsen, Zucchini, Möhren, Spitzkohl, Broccoli und Gurken wachsen unter anderem im Wilhelmsdorfer Gärtchen. Zum Abschluss der Gartensaison kann auch noch Mais geerntet werden.

Wer nicht nur Beikraut jäten und ernten möchte, kann auch noch selbst pflanzen. „Im Juni sind die Radieschen weg. Wer möchte, kann dann noch Saatgut bekommen und nachsäen“, erklärt Marie Janßen.

Und natürlich steht sie auch dann den Hobbygärtnern mit Rat und Tat zur Seite.

Startseite