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Rebekka Kuiter restauriert den Fund eines römischen Schienenpanzers in Kalkriese

Die Sensation aus Eisen und Rost

Bramsche-Kalkriese

Am mutmaßlichen Ort der Varusschlacht in Kalkriese bei Bramsche (Kreis Osnabrück) haben die Archäologen 2018 eine herausragende Entdeckung gemacht. Der Fund eines nahezu vollständigen römischen Schienenpanzers, der im September 2020 der Öffentlichkeit präsentiert wurde, ist sensationell und gilt unter Experten als einmalig.

Von Johannes Loy

Restauratorin Rebekka Kuiter sichert die Platten des römischen Schienenpanzers und setzt sie wieder zusammen. Auf manchen Stücken haften noch die Befestigungsschnallen (kleines Bild). Foto: Johannes Loy

Bislang wurden stets nur Teile von Schienenpanzern entdeckt. In seiner guten Erhaltung gibt der Fund aus Kalkriese neue Einblicke in die römische Militärtechnik. Wir sprachen mit der Restauratorin Rebekka Kuiter, die den ursprünglich im Block geborgenen Schienenpanzer seit einem Jahr aus seiner erdigen Umgebung löst und restauriert.

Als Sie erfuhren dass Sie dieses einzigartige Stück restaurieren müssen, was ging Ihnen da durch den Kopf?

Rebekka Kuiter: Ich habe mich gefreut. Das ist ein wirklich komplexes Objekt. Weil man da viele Dinge sehen kann, die man sonst nicht sieht. Normalerweise haben wir es hier in Kalkriese mit einer kleinen Gewand-Fibel oder einer Schnalle zu tun. Dies ist nun wirklich ein großes und einzigartiges Objekt, das man nicht jeden Tag als Restauratorin bearbeiten darf.

Das Stück wurde ja im Block geborgen. Wie haben Sie es herausbekommen?

Kuiter: Der Schienenpanzer wurde, wie Sie richtig sagen, im Block mit der umgebenden Erde geborgen. Die einzelnen Teile werden durch vorsichtiges Ausgraben herausgelöst. Das geht mit der Kelle oder auch mit dem Spachtel. Dann musste ich die einzelnen Fragmente vorsichtig absammeln und dokumentieren, welches Fragment zu welchem Nachbarfragment gehört. Das geht zu wie bei einem Puzzle. Zwischendurch müssen immer wieder Fotos, Zeichnungen und 3D-Modelle angefertigt werden, um den Restaurierungsprozess zu dokumentieren. Einige Platten des Schienenpanzers waren zusammengerostet. Da musste ich mit dem Ultraschall-Meißel herangehen. Bei vielen Fragmenten ist das gelungen. Es gibt aber auch Stücke, die so fest zusammengebacken sind, dass man sie nicht mehr trennen kann. Die lassen wir dann erst einmal in diesem Zustand. Am fertigen Objekt kann man dann später dokumentieren, dass da etwas zusammenkorrodiert ist.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag im Normalfall aus?

Kuiter: Es gibt da nicht unbedingt eine bestimmte Tagesroutine. Es ist eher eine Plattenroutine. Die einzelnen Fragmente aus dem Block wurden zunächst gefestigt, dann zusammengepuzzelt. Dann werden sie vorläufig geheftet und später zusammengeklebt. Zum Abschluss erst werden etwa Bronzeschnallen freigelegt. Natürlich müssen beim Kleben auch Trockenzeiten eingehalten werden. Wenn die eine Platte also gerade trocknet, fange ich schon mit der nächsten an.

Haben Sie manchmal Angst, dass Sie das kostbare Kettengerüst falsch zusammensetzen?

Kuiter: Eigentlich nicht. Ich habe natürlich viel notiert, es gibt die Fotos von den Zwischenzuständen, dann habe als Hilfe noch die Computertomographie. Es gibt allerdings Situationen, in denen ich keine schöne Bruchkante habe. Oder dass ich keinen klaren Anschluss finde. Manches Stück kann man dann nicht an die passende Stelle zuweisen, das ist schade. Dann gibt es manchmal auch Stellen, an denen ich gut gepuzzelt habe, aber da sind trotzdem noch aufklaffende Stellen. Wenn sich manches nicht zuordnen lässt, muss man es einfach hinnehmen.

Gestatten Sie eine „irre“ Frage. Stand auf dem Panzer irgendwo ein Namenskürzel oder gar die Nummer der Legion?

Kuiter: Ganz „irre“ ist die Frage nicht. Man hat solche klaren Markierungen an archäologischen Funden. eher selten. Aber es kann durchaus mal was eingeritzt sein.

Es hätte ja, rein theoretisch, zum Beispiel irgendwo eine XIX. für die 19. Legion daran stehen können. Und dann wüssten wir: Das ist eine Truppe des Statthalters Varus.

Kuiter: Wenn das auf einer der Platten eingeritzt wäre, dann hätten wir wirklich die Sensation.

Wann sind Sie fertig mit der Restaurierung?

Kuiter: Ich denke, dass der restaurierte Schienenpanzer in der ersten Jahreshälfte 2022 fertig wird.

Was ist, wissenschaftlich gesehen, neu an diesem Legionärs-Panzer?

Kuiter: Es gab aus England aus den Grabungen am Ha­drianswall schon einige größere Fragment-Funde, die gut untersucht sind. Alle technischen Rekonstruktionen und Erkenntnisse beruhten bislang auf diesen Funden. Einzelne Panzerungsstücke wurden auch schon in Kalkriese gefunden und einem besonderen „Typ Kalkriese“ zugerechnet. Jetzt haben wir aus der Zeit des Kaisers Augustus erstmals einen fast vollständigen Panzer. Der Aufbau im Schulterbereich ist sehr auffällig. Da befinden sich sichelförmige Platten, die wir vom Typ Corbridge in England her so nicht kennen. Auch die Schulterplatte oben ist von der Form her etwas anders. Am Kalkrieser Schienenpanzer gibt es auch keine Armplatten wie in Corbridge. Ein Detailunterschied ist zudem eine kleine Bronzebördelung, ein Blech, das über die Eisenkanten gelegt wurde. Es war sowohl ein Schutz zwischen Panzer und Kleidung als auch ein dekorativer Abschluss, da so ein Farbkontrast zwischen dem grauen Eisen und der schimmernden Kupferlegierung entstand.

Wie wird der Schienenpanzer künftig museal präsentiert?

Kuiter: Das müssen wir noch genauer planen, wenn wir alle Platten restauriert haben. Dem Aufbau nach hat der Panzer 30 Platten, 25 haben wir gefunden. Der Panzer soll in der Ausstellung möglichst so präsentiert werden, wie er getragen wurde, also vertikal wie im Stehen. Vielleicht braucht er zur Stabilisierung einen Metallaufbau im Inneren, die die Platten halten. Eventuell holen wir noch einen Experten mit ins Boot, der sich mit der Montage eines solchen Metallgerüsts auskennt.

Haben Sie eigentlich jemals etwas Spannenderes restauriert?

Kuiter: Ich bin direkt nach dem Studium in Kalkriese als Restauratorin angefangen, also seit Ende 2018 praktisch im Beruf tätig, wobei wir auch im Studium schon manche Objekte bearbeitet haben. Aber dies ist natürlich das archäologisch kostbarste und aussagekräftigste Stück.

Rechnen Sie noch mit weiteren spektakulären Funden in Kalkriese?

Kuiter: Es liegt auf alle Fälle noch viel auf der Fläche hier. Erst ein Bruchteil ist untersucht und ergraben. Da wird noch einiges kommen. Viele Ausrüstungsgegenstände der Legionäre haben wir schon entdeckt und bearbeitet. Was uns fehlt, ist noch ein Gladius, also ein möglichst komplettes Schwert. Schwertscheidenklammern hatten wir schon. Eines ist klar: Während wir als Restauratorinnen und Restauratoren von „Funden“ schwärmen, schwärmen die Archäologen von den „Befunden“ im Boden, also dem Fund in seinem direkten Fundkontext.

Besteht manchmal die Gefahr, dass man Dinge in Eile auseinanderreißt?

Kuiter: Als Restauratorin muss man geduldig sein. Das ist eine Grundvoraussetzung für sorgfältiges Arbeiten.

Wir wird der Panzer zuletzt aussehen? Rostig oder metallisch glänzend?

Kuiter: Die Schulterplatten sind ja schon freigelegt, es ist keine metallische glänzende Oberfläche. Aber die oberflächlichen Korrosionsprodukte nehmen wir ab, und dann sieht das eher grau als rostig-rot aus.

Gab es Spuren vom Leichnam des getöteten Legionärs?

Kuiter: Es wurden keine Knochen in dem Fund entdeckt. Phosphatproben deuten aber auf einen Leichnam hin. Allerdings sind diese Untersuchungen noch nicht abgeschlossen.

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