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Initiative pro Fahrrad Lübbecke begrüßt Vorschlag der SPD zu Tempo 30 im Stadtgebiet – neuer Radweg Richtung Hüllhorst gefordert

„Die Strecke ist eine Katastrophe“

Lübbecke

Den aktuellen Vorschlag der Lübbecker SPD, im Stadtgebiet und außerhalb der Bundesstraßen Tempo 30 in einem Pilotprojekt zu erproben, hat die Initiative pro Fahrrad mit Begeisterung aufgenommen.

Kritikpunkte der Initiative pro Fahrrad: Die Gehwege entlang der B239, die von Radfahrern mitgenutzt werden dürfen, sind zugewachsen oder holprig. Die Piktogramme auf der Straße sind verblasst. Wer hier queren will, muss schnell sein, gut aufpassen und oftmals lange Geduld haben.  Foto: Spona/Initiative pro Fahrrad

„Das ist eine hervorragende und nachhaltige Idee, für die sehr viel spricht“, lobt Petra Spona, die Sprecherin der Initiative.

In den sozialen Medien sei neben Zustimmung aber auch Kritik laut geworden. So habe ein Nutzer eingewandt, dass bei einer maximalen Geschwindigkeit von 30 Stundenkilometern weniger Autos durch die Straßen fahren könnten. Diese These ist nicht zuletzt seitens des Umweltbundesamtes widerlegt, weiß die Initiative. Die Behörde habe in einer Untersuchung über die Wirkung von Tempo 30 eindeutig festgestellt, dass, wie Jan Weidner von der Initiative pro Fahrrad darlegt, „die Geschwindigkeit kaum Einfluss auf die Leistungsfähigkeit des Straßennetzes hat. Eine wichtige Rolle dagegen spielen Ampelschaltungen, Parkvorgänge, querende Fußgänger und der einzuhaltende Sicherheitsabstand, der bei geringerem Tempo kleiner ist.“

Wenig überzeugend schätzt die Initiative auch den Einwand ein, dass Fahrten durch die niedrigere Geschwindigkeit viel länger dauern würden. Diese These berücksichtige nicht die Tatsache, dass der Vorschlag der SPD Bundesstraßen außen vor lasse. Längere Fahrtstrecken würden daher lediglich bei den letzten Metern von der Veränderung berührt, bei kürzeren Strecken dauere es ohnehin kaum länger, sie mit 30 statt mit 50 Stundenkilometern zurückzulegen, erklärt die Initiative. „Im schlechtesten Fall braucht man für einen Kilometer zwei Minuten statt einer Minute und zwölf Sekunden“, rechnet Jan Weidner vor. „Wenn man dann noch die unter Realbedingungen tatsächlich deutlich niedrigeren Durchschnittsgeschwindigkeiten berücksichtigt, schrumpft der Unterschied noch ein Stück zusammen,“ sagt er weiter und gibt zu bedenken: „Diese Handvoll Sekunden Zeitunterschied sollte jede Person für die Sicherheit der anderen Verkehrsteilnehmer aufbringen können und wollen.“

Diesen schmalen und durch die eigentlich als Sicherung dienenden Leitplanken eingeschränkten Weg sollen sich Fußgänger und Radfahrer in beide Richtungen teilen. Das starke Gefälle erhöht die Gefahr noch. Foto: Spona

Große Vorteile bietet Tempo 30 laut der Initiative vor allem für Fußgänger und Radfahrer. „Eine geringere Geschwindigkeit reduziert nicht nur die Lärmemissionen, sondern auch den Anhalteweg“, betont Weidner und erläutert unter Berufung auf Darstellungen des ADFC: „Bei Tempo 50 betragen der Reaktions- und Bremsweg gemeinsam rund 27,7 Meter, bei Tempo 30 lediglich 13,3 Meter. Dadurch sinkt die Wahrscheinlichkeit, bei einem Unfall getötet zu werden von etwa 80 Prozent bei Tempo 50 auf etwa 10 Prozent bei 30 Stundenkilometern.“

Die Initiative freut sich über den Vorstoß der SPD. „Tempo 30 reduziert Hektik und Lärm in der Stadt, macht sie dadurch lebenswerter, und die Straßen werden nicht nur objektiv für alle Verkehrsteilnehmenden sicherer“, erklärt Petra Spona. „Da auch das subjektive Sicherheitsgefühl steigt, trägt Tempo 30 dazu bei, dass sich mehr Menschen für das Rad anstatt das Auto entscheiden.“

Susanne Lenz

Kontraproduktiv seien demnach für Radfahrer vor allem auch Streckenabschnitte, die als besonders gefährlich wahrgenommen werden und entsprechend Stress auslösen. Immer wieder wurde die Initiative pro Fahrrad auf den Zustand der B239 Richtung Hüllhorst angesprochen, die sie auch selbst als eine der gefährlichsten Ecken in Lübbecke für Radfahrende einschätzt.

Die Initiative pro Fahrrad hat sich den Streckenabschnitt der B239 von der Blase-Kreuzung bis hinter der Brauerei Barre intensiv angesehen und kam zu einem niederschmetternden Ergebnis. „Die Strecke ist eine Katastrophe“, konstatiert Susanne Lenz. „Auf der Strecke dürfen Radfahrende sowohl auf der Straße als auch auf dem Fußweg fahren. Der Fußweg ist allerdings zum Teil ex­trem eng und ungepflegt, auf der Straße dagegen wird man ungewollt zum Störfaktor im Autoverkehr, was für beide Seiten unangenehm ist“, sagt Lenz.

Petra Spona kann sich ein Sticheln nicht verkneifen: „Dass der ursprünglich mal aufgemalte Radstreifen nicht erneuert wurde, ist offenbar das Eingeständnis der Stadtverwaltung, dass die Situation eine Zumutung für Radfahrer ist“, interpretiert sie. Aber das ist nicht das einzige Problem, fährt sie fort: „Hinter Barre vor dem Ortsausgang müssen Radfahrende ohne Ampel die vielbefahrene Straße queren, um auf dem gemeinsamen Fuß- und Radweg auf der linken Seite weiterfahren zu können. Aus Süden, wo die eingeforderte Geschwindigkeitsreduzierung auf 50 Stundenkilometer allein durch die Bergabfahrt oft nicht eingehalten wird, wird die Sicht für Autos und Radfahrende auch noch durch die Kurve eingeschränkt. Aus Lübbecke kommend steht das Ortsschild einige Meter vor der Querung, sodass Autofahrer bereits Gas geben, bevor sie die Stelle passieren“, schildert Spona die Situation.

Petra Spona

Aber selbst nach der Querung bleibe die Situation gefährlich, fährt Susanne Lenz fort: „Der Fuß-/Radweg ist von Leitplanken eingerahmt. Was eigentlich zum Schutz gedacht ist, wird selbst zur Gefahr, denn der Weg soll von Fußgängern und Radfahrern gemeinsam genutzt werden. Dafür ist er aber viel zu schmal. Prallen hier Menschen aufeinander, können sie durch die Leitplanken nicht ausweichen. Kein Wunder, dass sich hier vor einiger Zeit ein Unfall ereignet hat, bei dem ein Radfahrer schwer verletzt wurde.“

„Die Strecke an der B239 ist auch ein Problem, weil es keine Alternativrouten für Radfahrende gibt. Links und rechts ist Wald. Aber es ist eine wichtige Strecke für Pendler. Sie muss für Radfahrende nutzbar sein“, insistiert Petra Spona. „Daher muss auch an solchen Stellen Abhilfe geschaffen werden. Eine einfache und kurzfristige Lösung gibt es hier nicht. Aber Ignorieren ist auch keine Lösung.“ Sie schlägt vor: „Eine ergebnisoffene Ortsbesichtigung von Verkehrsplanern aus Hüllhorst und Lübbecke und von Straßen NRW mit Radfahrenden und Interessierten aus der Politik und Verkehrsverbänden könnte vielleicht eine gemeinsame pragmatische und gangbare Verbesserung für die B239 oder Alternativrouten entwickeln.“

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