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Landkabarettist Udo Reineke zu Gast beim Heimatverein in Gehrden

Die Wiege des Home Office

Brakel-Gehrden

Viel fehlt nicht mehr, dann hat Udo Reineke Kultstatus erreicht. Der Landkabarettist mit dem charakteristischen grünen Bauernhut und Arbeitsjacke ist immerhin modisches Vorbild für Gehrdens Pastor Detlef Stock, der mit einer eben solchen Kopfbedeckung aus der Caritas-Kleiderkammer am Samstag zu Reinekes Auftritt im Gehrdener Bürgerhaus kam. Der Heimatverein hatte den Kabarettabend organisiert.

Auf Einladung des Heimatvereins zu Gast im Gehrdener Bürgerhaus: Udo Reineke. Foto: Heimatverein

Kult ist auf jeden Fall schon sein Rachen-CH, das so schön westfälisch klingt. Da werden aus den Gehrdenern gender-korrekt Cherdende und wenn doch unbedingt in Männlein und Weiblein unterschieden werden muss, heißt der Gehrdener Cherd und die Gehrdenerin Chertrud.

Was Gehrden auszeichnet? Auch darauf hatte Reineke bei seinem Auftritt vor gut 200 Zuschauern eine Antwort: die Tankstelle an der Ostwestfalenstraße. Die sei eine Art Basisstation für Sherpas, die ambitionierten Bergsteigern die Schönheiten des Urlaubsparadieses Gehrden zeigen wollten. „Hier ist es so schön, dass ich gar nicht verstehe, warum die hier einen eigenen Arzt brauchen. Da kann man doch gar nicht krank werden.“ Gehrden sei ja quasi ein „geschlossenes System“.

Darüber hinaus liege der Ort am „Amazonas des Kreises Höxter“, der Ostwestfalenstraße. „Wenn man von ihr abkommt, wird man von Einheimischen gleich zum Schützenkönig ernannt.“ Nicht weit entfernt vom Bundesgolddorf liege ja auch ein anderes Bundesdorf: Erkeln, das Bundestestdorf für den Klimawandel. „Nach Supergau kommt nur noch Nethegau“, brachte es Reineke angesichts vieler Starkregenüberschwemmungen in den vergangenen Jahren auf den Punkt.

Fett weg bekamen bei dem Gastspiel am Rande des Altkreises Warburg die Höxteraner. Der Südkreis habe Michael Stickeln nicht nur als Landrat, sondern auch als Trojaner von der Diemel an die Weser geschickt. Möglicherweise lag es aber auch daran, dass die CDU aus formalen Gründen gar keinen anderen Kandidaten nehmen konnte. „Wer in Höxter nämlich Landrat werden möchte, muss heißen wie ein Gebäude im Freilichtmuseum“, unkte Reineke. Backhaus, Spieker wie ein alter Ausdruck für Getreidelager und eben Stickeln wie ein früherer Begriff für Zaunpfosten. „Die SPD hätte sicher ein besseres Ergebnis erzielt, wenn sie eine Bockwindmühle aufgestellt hätte“.

Überhaupt müsse man sich über Höxter wundern. Nach dem Extra-3-Beitrag über die „ausgesprochen kreative Namensfindung“ für das Hallenbad habe er sich gefragt „was da wohl für Leute wohnen“. Wenn ein Tourist in Warburg von der Autobahn abfährt, weil da das Weltkulturerbe Corvey ausgeschildert ist, sei der ja nicht in fünf Minuten am Ziel. „Nein, das dauert über eine Stunde. Da stehste in Godelheim im Stau und wenn du ankommst, steht dran, dass heute geschlossen ist und Kaffee gibt’s auch nicht“.

Werben, so viel ist bei Udo Reinekes Gastspiel in Gehrden klar geworden, sollte der Kreis auf jeden Fall nicht mit Welterbestätten oder neuen Hallenbädern. Herausstellen müssen die Tourismusexperten künftig, dass im Kreis Höxter die Wiege des Home Office steht. Udo Reineke: „War doch früher schon so, ausm Kuhstall biste nie rausgekommen.“ Wer hat’s also erfunden? Na klar, die Höxteraner. Gegen dieses Alleinstellungsmerkmal können dann noch nicht mal die Baden-Württemberger anstinken, die ja bekanntlich alles können – außer Hochdeutsch. Und der Kreis Höxter wäre plötzlich kultiger als das angesagteste Szeneviertel von Berlin.

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