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Auftritt des Leipziger Vokalensembles Sjaella beschließt die „Lange Nacht der Kirchen“

Dieses Konzert lässt aufhorchen

Paderborn

Im Rahmen des Festivals „Internationale Musiktage am Dom“ haben am Samstag zahlreiche Musikfreunde in der „Langen Nacht der Kirchenmusik“ diverse, höchst anspruchsvolle Musikveranstaltungen in den Kirchen der Paderborner Innenstadt besucht. Einen außergewöhnlichen Ausklang dieses Tages bot das Konzert von Sjaella, einem Ensemble von sechs jungen, exzellenten Sängerinnen, die im besten Sinne des Wortes „aufhorchen“ ließen.

Von Hermann Knaup

Viel Beifall gab es für das Vokalensemble Sjaella nach dem Konzert im Paderborner Dom. Domkapellmeister Thomas Berning überreichte als Geste des Dankes Rosen. Foto: Hermann Knaup

Die im Jahre 2005 gegründete a-cappella-Gesangsgruppe hat über die Jahre ein umfangreiches und vielseitiges Repertoire erarbeitet. Ursprünglich waren die Mitglieder weitgehend der traditionellen Musik zugetan. Immerhin ist Frank-Michael Erben, Vater der Sjaella-Sängerinnen Felicitas und Franziska Erben, aktuell Konzertmeister des Leipziger Gewandhaus-Orchesters. Dennoch haben die jungen Frauen die von Rundfunkanstalten praktizierte Unterscheidung von E(rnster)-Musik und U(nterhaltungs)-Musik für die eigene Werkauswahl aufgehoben. Klischeefrei sind sie im Interesse einer musikalischen Vielfalt in unterschiedlichen Genres wie Klassik, Volksmusik, Pop, Jazz und zeitgenössischer Musik zuhause.

Lange Nacht der Kirchen begeistert mehr als 2500 Menschen

Sängerinnen lassen schwingende Weingläser klingen

Selbst Dissonanzen moderner Kompositionen, oft schwer genug zu realisieren, werden in ihren Aufführungen kaum als Dissonanzen, eher als faszinierende, klangfarbige Cluster empfunden. Längst schreiben renommierte Komponisten wie Simon Wawer, Ola Gjeilos wie auch Philip Lawson, langjähriger Bariton der legendären King’s Singers, eigens Werke und Arrangements für die Musikerinnen. Sjaella hatte für das Abendkonzert im Dom Werke ausgesucht, die im Herbst auf ihrer neuen CD „Origins“ erscheinen werden. Der eröffnende Chorsatz „evening, morning, day“, komponiert von David Lang, greift den Refrainvers der Mosaischen Schöpfungserzählung (Genesis 1) auf: Es ward Abend, es ward Morgen, ein neuer Tag. Im weiteren Verlauf standen aus Henry Purcells Oper „The Fairy Queen“ (1692) Chorsätze zu den vier Jahreszeiten an, gleichsam als Metaphern für das Leben des Menschen. In „Stars“ von Erik Esenwalds ließen die Sängerinnen schwingende Weingläser erklingen, die sich mit ihren glasklaren Stimmen zu einer geradezu ätherischen Klangwelt verschmolzen. Bezogen auf gegenwärtige Entwicklungen gemahnen die Chorsätze aus dem „Tryptich for our Time“ von Paola Prestini mit Texten aus der Offenbarung, dem Koran sowie markanten Zeitungsüberschriften an die existentiell lebensbedrohenden Entwicklungen unserer Gegenwart.

Facettenreiche Vokalmusik für die Seele

Der Name Sjaella ist zugleich Programm: facettenreiche Vokalmusik für die Seele. So strahlte das detailliert einstudierte Konzert im Dom eine spürbare innere und äußere Ruhe aus. Bewundernswert, mit welch gesanglicher Perfektion die Sängerinnen brillierten. Das Vokalsextett nutzte die akustischen Möglichkeiten des Kirchenraumes und veränderte dazu in dezenter Choreografie die Aufführungsstandorte im Chorraum der Kathedrale, um optimale Klangwirkungen zu erreichen. Manche Partien endeten gekonnt mit extrem leisen Klängen, so dass man als Zuhörer kaum zu atmen wagte. Der Gesang der Sängerinnen klingt makellos, frei von jeglichem, störenden Vibrato, absolut intonationssicher. Die stimmliche Balance innerhalb der Gruppe sowie die Dynamikgestaltung sind optimal austariert.

Der Umgang mit dem unterschiedlichen Stimmpotential ist homogen ausgeglichen, die Artikulation von Vokalen ist präzise abgestimmt. Bei aller Perfektion tritt das Ensemble sympathisch unprätentiös auf, meidet im Interesse ihrer Musik jegliche unangemessene, banale Selbstdarstellung. So ist es nicht verwunderlich, dass Sjaella in den letzten Jahren vielfach ausgezeichnet wurde. Zum Ausklang des beeindruckenden Konzertabends verließen die Sängerinnen durch den Mittelgang des Domes die Konzertebene, gefolgt von einer kontemplativen Stille, bevor die Zuhörerinnen und Zuhörer mit begeistertem Beifall für den nachhaltigen Auftritt dankten.

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