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Spendenaktion für zerstörte Kindergärten

Ein Jahr nach der Flut: Optimistisch in die Zukunft

Bad Neuenahr-Ahrweiler

Ein Jahr ist seit der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal vergangen. Alleine die Leserinnen und Leser der Zeitungsgruppe Westfalen-Blatt spendeten mehr als 350.000 Euro für Kitas unterschiedlicher Träger. Wie sieht das Leben dort ein Jahr später aus? Ein Besuch vor Ort.

Von Gunnar A. Pier

Kleine Kinder und große Schutzbrillen am Experimentiertisch in der „Grünen Gruppe“ der Kita St. Mauritius: Auch mit Geldern aus der Spendenaktion unserer Zeitungsgruppe richten sich die Kitas im Ahrtal derzeit neu ein. Foto: Gunnar A. Pier

Die „Grüne Gruppe“ der Kita St. Mauritius in Bad Neuenahr-Ahrweiler hat sich den Schwerpunkt „Forschen und Experimentieren“ gesetzt. Deshalb stehen im Mittelpunkt des Gruppenraums gerne kleine Forscher mit großen Schutzbrillen am hölzernen Experimentiertisch. „Ohne die Spenden­gelder Ihrer Leser würde das hier nicht so aussehen“, sagt Kita-Leiterin Sabine Sausen immer wieder. Sie strahlt und lacht – fast ein Jahr nach der Flutkata­strophe im Ahrtal gibt es in ihrer Einrichtung wieder so etwas wie verläss­lichen Alltag.

Vor einem halben Jahr war sie noch zurückhaltender. Das Gebäude der Kita im Ortsteil Heimersheim wurde durch die Flutwelle, die am 14. Juli 2021 mit nie dagewesener Gewalt durch das Tal gerauscht war, so sehr beschädigt, dass es wohl nicht zu retten ist. Wochenlang mussten sich viele Kitas behelfen, dann war St. Mauritius in einer simplen Con­tainerkonstruktion oberhalb des Ahrtals untergebracht. Alles war beengter Behelf, die Lautstärke zermürbend.

Neues Kita-Gebäude erst in Jahren bezugsfertig

Seit November ist St. Mauritius im endgültigen Provisorium angekommen. Es kann Jahre dauern, bis ein neues Kita-Gebäude bezugsfertig ist, deshalb wurde für die Einrichtung ein vergleichsweise komfortabler Pavillon auf dem ehemaligen Bolzplatz von Heimersheim errichtet. „Wir haben hier mehr Platz als in unserem eigentlichen Gebäude“, sagt Sabine Sausen. So gibt es zum ersten Mal einen Speisesaal statt Mittagessen im Gruppenraum. „Uns hat es gut getroffen“, findet ­Sausen.

Trotzdem ist noch viel zu tun, es fehlen noch Einrichtungsgegenstände und etwas Leben in den zunächst dann doch etwas kargen Räumen. Bei all dem hilft das Geld aus der Spendenaktion unserer Zeitungsgruppe Münsterland / „Westfälische Nachrichten“ und Partner. „Als ­Erzieherinnen sind wir es gewohnt, immer zu knapsen“, verdeutlicht die Kita-Leiterin. Doch dank der Spenden dürfe es nun auch mal das Bessere, das Größere, das ­pädagogisch Sinn­vollere sein – wie der Ex­perimentierschrank in der ­„Grünen Gruppe“.

Kita in Bad Neuenahr nach Flut abgerissen

Ein ähnliches Bild zeigt sich im Gewerbegebiet von Grafschaft-Ringen. Dort, etwa zehn Autominuten oberhalb des Ahrtals, haben im Schatten der landschafts­prägenden Haribo-Gummibärchen-Fabrik gleich zwei Einrichtungen der katholischen Kita gGmbH ihre vorläufige Heimat gefunden.

Das Blandine-Merten-Haus war einst eine sehr ­große Kita nahe der Ahr im Ortsteil Bad Neuenahr. ­Heute steht das Schild, das Autofahrer um Rücksichtnahme für Kinder bittet, neben einer riesigen Baugrube: Die Kita ist abgerissen, der Schutt weggebracht.

Vorübergehender Kita-Betrieb in einem Festzelt

Vorübergehend war die Einrichtung in einem Festzelt untergebracht. Doch während der Weihnachts­ferien bevölkerten Mäuse die beheizte Halle, die Kita musste schon wieder improvisieren. Seit Anfang März werden die bis zu 125 Kinder täglich nach Ringen kutschiert – von ihren Eltern oder einem Bus.

Spendenaktion unserer Zeitung

Das Einrichten geschieht Schritt für Schritt – und Leiter Stefan Ibs gewinnt genau dem viel Gutes ab. Denn so merkt das Team täglich, dass es vorangeht, dass etwas passiert. „Uns ist wichtig, dass das Geld schon jetzt den Kindern zugute kommt“, betont Ibs. Denn auch wenn das hier ein Provisorium ist: Es wird eine ganze Kita-Generation halten müssen. Wer jetzt in die Kita kommt, wird keine andere Kita kennenlernen. Bis ein Neubau steht, gehen die Kita-Kids von heute längst zur Schule.

Stefan Ibs

Nur zwei Seitenstraßen weiter steht das Container-Ensemble der Kita St. Pius. „Wir sind ziemlich gut im Alltag angekommen“, sagt Leiterin Helga Pollich. Viele Möbel sind schon da, zusammen mit den Kindern schaue das Team, was noch gebraucht wird. „Wir ver­suchen, für die Kinder hier alles optimal zu machen.“ Auch hier verschaffen die Spenden unserer Leser Luft.

Doch so optimistisch hier oben alle merklich in die Zukunft schauen: Ganz ohne Wehmut geht es nicht. Im Januar, erzählt Pollich, habe sich das Team am zerstörten Gebäude getroffen. Es steht noch unweit der Ahr, muss aber abgerissen werden, „Das war gut für die Mitarbeiter, weil sie abschließen können.“ Aber nicht alle haben es übers Herz gebracht, dorthin zu kommen . . .

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