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Diplom-Pädagoge Eberhard Freitag referiert auf Einladung des HoT Altenbeken zum Thema Mediensucht

„Ein Ozean, in dem man leicht abtreiben kann“

Altenbeken

„Hauptsache ‚online‘ – Internet zwischen Faszination und Kontrollverlust“ – unter diesem Titel hatte das Haus der offenen Tür Altenbeken in die evangelische Kirche Altenbeken eingeladen. Gastredner war Diplom-Pädagoge Eberhard Freitag, der seit 2008 die Fachstelle für Mediensucht „return“ in Hannover leitet, nachdem er zuvor als Drogenberater und in der Suchtprävention tätig war.

Von Kevin Müller

Ein Junge spielt ein Action-Spiel. Gaming ist beim Thema Mediensucht ein großer Problembereich. Foto: Swen Pförtner/dpa

Das Internet vergleicht Freitag mit einem grenzenlosen Ozean, „samt Wind und Wellen, in dem man leicht abtreiben kann.“ Jeder kenne schließlich das Gefühl: Kurz eine Nachricht lesen, eben etwas googlen – und schon ist plötzlich eine Stunde vorbei. Ähnlich wie man Kinder nicht allein auf dem offenen Meer aussetzen würde, solle man laut Freitag auch im Bezug auf das Internet ein „Kielgewicht“ – ein Gegengewicht zum Netz – bieten. „Medienerziehung gehört zur Erziehung“, sagt Freitag.

Bei den rapiden technologischen Entwicklungen der vergangenen Jahre seien zwar viele positive Aspekte enthalten, dennoch gelte es laut dem Pädagogen stets abzuwägen, was die Kinder mit Zugang zu neuen Medien gewinnen oder verlieren. Es fehle eine „Kultur“ der Digitalisierung, sie breite sich in keinem guten Rahmen aus.

„Das Internet ist natürlich sehr spannend und sehr dynamisch, wird von Kindern allerdings oftmals nicht richtig beherrscht“, erklärt Freitag und weist darauf hin, dass auch Handys wie eine Axt sowohl konstruktiv als auch destruktiv nutzbar seien. Wichtig sei das Verständnis, was vor dem Bildschirm im Kopf passiert. Freitag erklärt dies folgendermaßen: Zunächst sehe man etwas, das im Anschluss im Gehirn mit (in diesem Fall positiven) Erinnerungen verknüpft werde. Anschließend werde diese Erinnerung mit einem Belohnungsgefühl verbunden, woraufhin normalerweise die „Kontrollzone“ im Gehirn eingreift, um den Gebrauch zu regulieren und schließlich eine Handlung durchzuführen. Bei Kindern und Jugendlichen führe das Gefühl jedoch oft direkt zur Handlung, was sich gerade im Bereich des Gaming und von Social-Media mit ihren oftmals ununterbrochenen Frequenzen an „Belohnungen“ negativ auswirken könne.

Freitag unterstreicht dabei: „Es ist wichtig, sich als Elternteil mit den Bedürfnissen des Kindes auseinanderzusetzen“. Es gelte, nicht nur einen Fokus auf die Schule zu legen, sondern auch die restlichen Teile des Lebens stets ins Spiel zu bringen, um den Kindern und Jugendlichen auch abseits der Medien ein Gespür für Lebensbedürfnisse zu geben. Dabei spiele selbstverständlich auch das Spenden von Aufmerksamkeit eine große Rolle.

Neben Bereichen wie Gaming und Social-Media sei auch Online-Pornografie ein großer Problembereich. Dabei gebe es oftmals verschiedene Gründe für übermäßigen Konsum, wie etwa ein Sinnen nach Bestätigung, Zeitvertreib oder Autonomie.

Auch dabei sei es wichtig, die Bedürfnisse der eigenen Kinder kennenzulernen und ernst zu nehmen und somit Konflikt- und Sprachfähig zu werden. „Die digitale Welt“, so Freitag, „muss auch mal abgeschaltet werden. Bildschirmfreie Zeiten und auch Langeweile müssen ermöglicht werden. Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können.“

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