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Alter Fachwerkbogen der Rellerstätte von 1778 seit Neuestem im Hövelhofer Heimatzentrum zu besichtigen

Ein Stück Hövelsenner Geschichte gerettet

Hövelhof

Vor mehr als 50 Jahren haben Beschäftigte und Soldaten des damaligen Verbindungs- und Truppenübungsplatzkommandos (V/TrÜbPlKdo) Sennelager den großen Fachwerkbogen der Deelentür der sogenannten Reller­stätte (Alt Hövelhof Nr. 52) in der Hövelsenne gerettet. Neuerdings steht der alte Torbogen im Hövelhofer Heimatzentrum.

Vor dem neu aufgestellten Bogen: Frank Rohde, Heiko Gehring, Michael Kirschfink (alle DMV Senne, hinten von links) sowie Volker Höddinghaus und Carsten Tegethoff (beide plattdeutscher Kreis, vorne von links).So sah der einstige Hof aus, der um 1700 gegründet wurde. Auch ein Bildstock ist noch erhalten. Foto: Das Studio BuschmeierSammlung Heinrich Fortmeier

Hövelhofs Ortsteil Hövelsenne musste bei der großen Erweiterung des Truppenübungsplatzes Senne fast vollständig hergegeben werden. Beginn der Umsiedlungen war 1939, endgültig abgeschlossen wurden sie jedoch erst 1974. Betroffen waren 130 Familien, auch der Ortskern mit Kirche und Schule. Als Erinnerung an Hövelsenne hat der Förderverein Hövelsenner Kapelle 2015 eine kleine Kapelle vor den Schranken der Platzgrenze gebaut.

Nachdem die ursprünglichen Bewohner die Häuser verlassen hatten, konnten diese durch den Wohnraummangel in der Nachkriegszeit häufig nochmal durch Vertriebene, Ausgebombte oder andere genutzt werden. Nach der endgültigen Räumung wurden die Häuser abgerissen oder sie verfielen.

Der Torbogen der Reller­stätte wurde in das Dienstgebäude, Block 138, in den Normandy Barracks gebracht. Bis vor wenigen Tagen stand der imposante Bogen in der „Feuchten Patrone“, dem Aufenthaltsraum des DMV Senne, wie die Dienststelle heute bezeichnet wird. Im Rahmen einer Grundsanierung des Dienstgebäudes musste der Bogen nun weichen.

Zwei langjährige Soldaten der Dienststelle, die derzeit gerade eine Wehrübung ableisten, boten dem Heimatzentrum in Hövelhof den im Jahre 1778 erbauten Bogen kostenneutral zur Übernahme an, um ihn dort zu inte­grieren.

Coronabedingt stellten nur zwei Mitglieder des dortigen Plattdeutschen Kreises den Bogen nun im Obergeschoss des alten Hauses, in der „Hövelsenner Stube“, neu auf. Damit ist er seiner alten Heimat wieder ein Stück näher gekommen. Zur Begutachtung des Ergebnisses und für ein gemeinsames Foto traf man sich nun coronakonform vor Ort.

So sah der einstige Hof aus, der um 1700 gegründet wurde. Auch ein Bildstock ist noch erhalten. Foto: Sammlung Heinrich Fortmeier

Der Hof wurde um 1700 von Röttger Reller in der Flur „Auf’m Schuhmarkt“ gegründet. Ab 1790 bewohnte durch Einheirat von Heinrich Marxcord von der „Hambüsken Stelle“ Nr. 12 Familie Marxcord den Hof. Wie in der Senne so üblich blieb der Name Reller als Hofname erhalten. Die Frau starb 1818, Kinder hatten die beiden nicht. Heinrich heiratete noch im gleichen Jahr neu. 1941 siedelten die Nachkommen der Familie nach Tessin in Mecklenburg um. Das Haus wurde später wegen des allgemeinen Wohnraummangels nochmals bewohnt.

Durch Recherche in Kirchenbüchern entdeckte Marita Marxkors bei Ahnenforschungen schwere Schicksale der Familie. Heinrich Marxcord starb am 5. Oktober 1828 an Gallenfieber. Seine Frau brachte am 13. Dezember des Jahres die gemeinsame Tochter zur Welt, die aber noch am gleichen Tag verstarb. Fünf Tage später verstarb auch die Mutter im Kindsbett. Eine andere Tochter war bereits im Vorjahr am Tag ihrer Geburt verstorben.

Es verblieben zwei gemeinsame Söhne im Alter von sieben und vier Jahren. Deren Cousine Elisabeth Dannenbäumer übernahm mit ihrem Mann Wilhelm den Hof und kümmerte sich auch die Kinder. Sie verstarb allerdings bereits 1830, also zwei Jahre später, ihr Mann 1832. Sie hatten drei gemeinsame Kinder, die vermutlich auch auf dem Hof lebten.

Ferdinand Pollmeyer, Bruder des damaligen Hövelhofer Pastors, pachtete daraufhin den Hof, bis der ältere der beiden Söhne 1841 im Alter von 20 Jahren heiratete und den Hof weiterführte. Ferdinand wurde seitdem „Rällerpächter“ genannt.

Der Hof gab der Rellerriege ihren Namen, er lag unweit der heutigen Truppenübungsplatzgrenze. Er hatte den größten Grundbesitz von den elf Siedlern der Riege (Reihe) und ein für Hövelsenner Verhältnisse großes Wohnhaus. Die Relleriege war eine „Tüskenreyge“ (Zwischenriege). Diese wurden erst besiedelt, als die Riegen entlang der Sennebäche mit den besseren Bedingungen bereits mit Höfen besetzt waren.

Außer dem Deelentürbogen gibt es noch ein weiteres schmuckes Erinnerungsstück an den Hof. An der Stelle, wo der Mergelweg auf den Truppenübungsplatz trifft, blieb ein Bildstock erhalten. Er wurde vor längerer Zeit erneuert, wird liebevoll gepflegt und trägt heute die Inschrift „Madonna der Senne“.

Der Spruch am oberen Querbalken des Bogens ist tadellos erhalten: „In den Nahmen der Allerheiligsten Dreifaltigkeit haben wir Jürgen Reller und Anna Maria Kaspar Meyer dieses Haus bauen lassen im Jahre 1778 den 19ten May Monamtes Hermann Schefer Baumeister“. Am linken Ständer wurde nachträglich „N 12“ eingearbeitet. Möglicherweise hat sich damit der oben genannte Heinrich Marxcord, er stammte von Haus Nr. 12, verewigt. Ein altes Foto des Hauses zeigt die der Deelentür gegenüber befindliche Seite des Gebäudes.

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