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Frauenpolitischer Themenvormittag des Kreises Paderborn zu Resilienz und Schlagfertigkeit mit Besucherrekord

„Eine Frage der Lebenseinstellung“

Paderborn

Der Vortrag ist gehalten, dann raunt es aus dem Publikum: „Na ja, das Rad hast Du ja nicht grad neu erfunden“. Schlagfertigkeit ist gefragt. Doch besonders Frauen leiden in solchen Situationen unter ungewollter Sprachlosigkeit und dem Ärger, nicht sofort reagiert zu haben. 

Wie man schlagfertig, resilient und glücklich wird (von links): Landrat Christoph Rüther, Gleichstellungsbeauftragte Simone Böhmer, Beststellerautorin und Trainerin Nicole Staudinger und Sängerin Kathrin Hörstkötter beim 10. Frauenpolitischen Thementag. Foto: Julian Sprenger

„Schlagfertigkeit ist keine Frage der Technik sondern der Lebenseinstellung“, sagt Nicole Staudinger. Die Bestsellerautorin, Trainerin und „Schlagfertigkeitsqueen“ war Gastrednerin des frauenpolitischen Themenvormittages des Kreises Paderborn.

Landrat Christoph Rüther und Gleichstellungsbeauftragte Simone Böhmer wollten es zum zehnten Geburtstag dieser jährlichen Veranstaltung in Zusammenarbeit mit den Gleichstellungsstellen der Städte und Gemeinden „richtig krachen lassen“ und hätten die Gäste gern persönlich im Kreishaus begrüßt. Doch auch das digitale Format überzeugte mit Besucherrekord: 360 Gäste schalteten sich beim Live-Stream zu, als Staudinger versprach: „Am Ende dieses Vormittages sind sie schlagfertig, resilient und glücklich“.

Die Zuschauenden erlebten einen humorvollen und berührenden Vortrag einer Frau, die mit 32 Jahren als zweifache Mutter die Diagnose Brustkrebs erhielt und sich ins Leben zurückkämpfen musste. Ihre Erfahrungen verarbeitete sie in ihren Büchern und gründete eine Akademie für Frauen.

Schlagfertigkeit löst nicht den Konflikt

Authentisch, gut gelaunt und in sich ruhend vermittelte Staudinger, dass es manchmal nur eines anderen Blickwinkels bedarf. „Überlegen Sie es sich gut, wem Sie künftig das Recht zugestehen wollen, Ihnen durch Ärger ihre wertvolle Lebenszeit zu stehlen“, lautete ihr Rat. Schlagfertigkeit rette vielleicht den Augenblick, aber löse nicht den Konflikt. Frauen müssten sich klarmachen, was sie blockiere und ihre Kompetenzen in solchen Momenten vergessen lasse. Und den Mut finden, das zu ändern.

Von den 27 Ämtern in der Paderborner Kreisverwaltung würden elf von Frauen geführt: Landrat Rüther sprach auch von Mut, den die Frauen brauchten, um sich auf eine solche Reise zu begeben. Seit 2009 sei die Kreisverwaltung mit dem Audit „Beruf und Familie“ ausgezeichnet. Es werde viel Wert auf die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sowie eine gute Work-Life-Balance gelegt – auch bei Führungskräften. „Frauen, die ihr volles Potenzial ausschöpfen und sich nicht von ihren Zweifeln oder von anderen zurückhalten lassen, sind ein Gewinn für unsere Gesellschaft und für jeden Arbeitgeber“, so Rüther.

Die Gütersloher Sängerin Kathrin Horstkötter, die für die angekündigte Betty Atlassi eingesprungen war, überzeugte nicht nur stimmlich, sondern auch durch Lieder wie „I‘m walking on sunshine“ oder „Wie schön Du bist“ – damit bot sie das, wovon sie überzeugt ist: Sie singe nicht, um Töne zu treffen, sie singe, um Herzen zu treffen.

Drei Generationen auf dem „roten Sofa“

Die Gleichstellungsbeauftragte Simone Böhmer hatte ihre beiden Vorgängerinnen Christiane Sander-Hiegemann und Elisabeth Voigtländer aufs „rote Sofa“ gebeten. Da saßen drei Generationen vereint, und es wurde deutlich, dass jede Zeit ihre Themen hat. Während es vor zehn Jahren noch um Frauenrechte und später um Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ging, konzentriert sich Simone Böhmer aktuell auf Themen der Persönlichkeitsentwicklung. Eines sei aber, so Böhmer, zeitlos gut und vonnöten: „Die Solidarität und Vernetzung der Frauen untereinander, das ist unsere wahre Stärke“.

Nicole Staudinger bot einen hinreißenden Vortrag, trotz gebrochener und schmerzender Schulter. Den Auftritt absagen, verschieben, „nö, ist doch mega hier“, sagte sie. Und „mega“ waren auch ihre Einladungen zu einem Perspektivwechsel zum ganz persönlichen Glück. Das Schicksal frage nicht, ob man den gewohnten Weg verlassen wolle, aber „an jedem Lebensweg wachsen Blumen“.

Und was sagt man der Kollegin, die nach einem Vortrag anmerkt, dass man das Rad nicht neu erfunden habe? „Nutzen Sie die Kraft der Blicke“, sagt die Referentin. „Schieben Sie betont lässig die Brille hoch, oder putzen sie diese“. Ein „Ach was“ oder „Du Fuchs“ erfülle auch seinen Zweck. Und eine Antwort könnte auch sein: „Ja, vielleicht nicht neu erfunden, aber ich habe es heute so richtig zum Laufen gebracht“.

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