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Publizist, Romancier und Orientalist Navid Kermani liest in Bad Driburg aus seinem Bestseller

„Entlang den Gräben“

Bad Driburg

Seine Eltern waren aus dem Iran geflohen. Doch der vielfach ausgezeichnete Publizist, Romancier und Orientalist Navid Kermani offenbarte sich bei seiner Lesung bei der Diotima-Gesellschaft im Gräflichen Hotel in Bad Driburg als guter Deutscher und Europäer, also als ein Kosmopolit.

Von Wolfgang Braunund

Vielfach ausgezeichneter Bestsellerautor: Navid Kermani. Foto: Wolfgang Braun

Im Mittelpunkt dieser Veranstaltung, in der die Vorsitzende der Diotima Gesellschaft, Annabelle Gräfin von Oeynhausen-Sierstorpff, die kundige Dialogpartnerin war, stand Navid Kermanis Buch „Entlang den Gräben“. Dieses Buch – mittlerweile ein Bestseller – war entstanden nach Reisen bis zu dem iranischen Isfahan, dem Heimatort der Familie Kermani. Es waren auch Reisen zu den Orten, in denen der nationalsozialistische und stalinistische Terror gewütet hatte, also auch zu ehemaligen längst vergessenen Massengräbern.

Viele Juden keine Deutsche

Kermani machte deutlich, dass nur ein geringer Prozentsatz der ermordeten Juden deutsche Juden waren, dass die allermeisten aus östlichen Ländern kamen. Jeder kenne Auschwitz, weil dort auch ein Arbeitslager war, das vergleichsweise viele überlebt hätten, aber die Namen solcher Vernichtungsstätten wie Paneriai, einem Ort zehn Kilometer vom litauischen Vilnius entfernt, sei kaum bekannt. Hier gab es sehr viele Tausende Opfer, aber kaum Überlebende.

Laute Urteile über Osteuropa

Was war die Motivation zu seinen Reisen? Insgesamt wisse man ohnehin viel zu wenig über osteuropäische Länder, trotzdem würden laute Urteile über sie gefällt. In Weißrussland beispielsweise hatte sich Kermani auf kleinen Dörfern in Gesprächen mit den dort Lebenden über deren politische Einstellung informiert. Die Unterstützer des Despoten Lukaschenko lebten dort. Aus den Städten dagegen komme der Widerstand. Auf den Dörfern aber werde jeder unterstützt, der das Sagen habe: der Pope, der Lehrer, der Präsident.

Bei „kleinen“ Leuten erkundigt

Es waren auch in anderen Ländern – außer Journalisten, Schriftstellern, Publizisten – eher die „kleinen Leute“, bei denen er sich kundig macht. So auch in einem orthodoxen Kloster im armenischen Berg-Karabach, das jetzt nach dem letzten Krieg zu Aserbaidschan gehört. Für den Abt waren alle Aserbaidschaner „Türken“. Die Türkei waren bekanntlich für den Völkermord an Armeniern 1919 verantwortlich gewesen. Dabei hatten Aserbaidschan den letzten Krieg dank modernster Waffentechnik gewonnen. Die Drohnen waren dem ölreichen Staat am Kaspischen Meer von Israel geliefert worden.

Europa spricht nicht mit einer Stimme

Sehr ausführlich ging – auch auf Nachfragen seiner Podiumspartnerin – zudem auf die Europaproblematik ein. Er betonte, Europa werde solange keine Rolle in der Weltpolitik spielen können, solange es nicht mit einer Stimme spreche. Wie die „eine Stimme“ aber angesichts der desolaten Situation des Bündnisses möglich sein könne, darauf hatte er keine Antwort.

Verantwortliche haben keine Ahnung

Immer wieder ging Kermani auf das aktuell brennendste Problem ein. Schon 2006 habe er das Scheitern des Westens in Afghanistan vorausgesehen. Er hatte die Eindrücke zweier Reisen in dieses von ihm so geliebte Land in zwei Büchern dargelegt. Der größte Fehler sei gewesen, dass die politisch Verantwortlichen des Westens keine Ahnung von dem Land haben, in dem sie aktiv geworden sind: „Es hat ihnen an Kompetenz und Bildung gefehlt. Die Chinesen machen das völlig anders, sie wissen genau. Was das für ein Land ist, in dem sich engagieren.“ Auch habe er dafür plädiert, mehr Soldaten in das Land schicken. „Das aber nicht, um mehr zu kämpfen, sondern um eine stabilere Sicherheit herzustellen, in der das Land sich hätte entwickeln können.“

Für das jetzige Desaster seien viele Länder verantwortlich, nicht nur die USA, sondern auch arabische Länder und Anrainer. Aber: „Am unschuldigsten sind die Afghanen selber“.

Viel Beifall gab es für Navid Kermani in dieser gut besuchten Veranstaltung der Diotima-Gesellschaft.

Kermani, Navid, Entlang den Gräben, Eine Reise durch das östliche Europa bis nach Isfahan, Reisebericht, C.H.Beck-Verlag, 447 Seiten, 14,95 Euro.

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