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Studie zu Missbrauchsfällen im Erzbistum Paderborn

„Es gab keinerlei Sensibilität für den Schaden an Kindern“

Paderborn

Das erste Zwischenergebnis ist nicht überraschend: Auch im Erzbistum Paderborn haben Bischöfe einer Studie der Universität Paderborn zufolge mutmaßliche Missbrauchstäter geschützt.

Von Paul Edgar Fels

Dom zu Paderborn. Foto: Jörn Hannemann

Sowohl Kirche als auch Gesellschaft haben systematisch weggesehen und Straftaten gebilligt oder hingenommen. Um die Opfer kümmerte sich keiner.

„Es gab keinerlei Sensibilität für den Schaden, den die Kinder genommen haben. Nicht nur im Erzbistum, auch vor Gericht nicht“, stellt die Wissenschaftlerin Dr. Christine Hartig fest. Weiter sagt sie: „Bei Taten unterhalb der Vergewaltigung, die in der Regel mit einer Bewährungsstrafe geahndet wurden, gingen auch Gerichte davon aus, dass Kinder keinen Schaden genommen haben. Die Tat galt zwar als ungesetzlich, aber man dachte, es habe das Leben der Kinder nicht massiv beeinflusst.“

Dr. Christine Hartig Foto: Universität Paderborn

Das Leben eines Klerikers dagegen, der zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden ist, habe man als „massiv beeinflusst“ gesehen, weil er in seiner Integrität infrage gestellt worden ist. „Der Schaden wurde also beim Kleriker gesehen“, sagt Hartig weiter, die die Studie zu Missbrauchsfällen im Erzbistum Paderborn gemeinsam mit Prof. Dr. Nicole Priesching leitet.

Prof. Dr. Nicole Priesching Foto: Universität Paderborn

Allerdings beklagen die Wissenschaftlerinnen, dass ihnen in den kirchlichen und weltlichen Akten relevante Informationen fehlten. „Dass es oft nicht zur Strafverfolgung gekommen ist, lag nicht nur daran, dass es einen untätigen Erzbischof in Paderborn gab, sondern an vielen anderen Hürden, die überwunden werden mussten. Kinder haben oft gar nicht begriffen, was ihnen passiert ist“, schildert Hartig. „In vielen Familien wurde den Kindern nicht geglaubt. Wenn sie versucht haben, sich zu schützen und etwa nicht mehr zum Ministrantenunterricht gegangen sind, haben manche Eltern Druck ausgeübt, dass sie dorthin gehen“, berichtet Hartig. Und wenn es doch einmal zu einer Strafanzeige gekommen ist, seien Familien oft an Ermittlungsbehörden geraten, „die ihnen nicht geglaubt und den Kindern gedroht haben.“

Kardinal Lorenz Jaeger (1892-1975) Foto:

Das Augenmerk halt damals vielmehr – untersucht wird der Zeitraum von 1941 bis 2002 – den beschuldigten Geistlichen. Priesching: „Manche Beschuldigte wurden aus der Gemeinde genommen und in solchen Einrichtungen eingesetzt, von denen man glaubte, dort könnten sie keinen Schaden anrichten.“ In diesen Einrichtungen habe es dann eine Kontaktperson gegeben, die Bescheid wusste. Wie die beiden Historikerinnen herausgefunden haben, hätten sich Gemeindemitglieder häufig für einen Kleriker eingesetzt, gegen den Vorwürfe bekannt geworden sind, in mindestens einem Fall sogar nach dessen Verurteilung.

Kardinal Johannes Joachim Degenhardt (1926-2002) Foto: dpa / Martin Gerten

Für die Kardinäle Lorenz Jaeger und Johannes Joachim Degenhardt können die Studienautoren feststellen, dass es eine „Fürsorge für die Beschuldigten“ gegeben hat, aber nicht gegenüber den Betroffenen. „Durch die Versetzungspolitik hat man in Kauf genommen, dass sich Dinge wiederholen, und genau das ist dann ja auch leider immer wieder passiert“, erläutert Priesching und betont: „In manchen Fällen hat es Vereinbarungen mit Staatsanwaltschaften gegeben, dass auf Bewährung verurteilte Täter nicht mehr in Gemeinden eingesetzt werden sollen, und dennoch ist das geschehen.“ Außerdem hätten Angehörige des Erzbistums Druck auf Betroffene und ihre Familien ausgeübt, keine Anzeige zu erstatten.

Das Erzbistum Paderborn mochte am Montag die ersten Zwischenergebnisse der Studie nicht kommentieren, wie Sprecher Benjamin Krysmann auf Nachfrage erklärte. Er betonte aber, dass das Erzbistum die unabhängige Forschungsarbeit unterstütze. Kryzmann teilte mit: „Nach späterem Abschluss der wissenschaftlichen Forschungsarbeit wird das Erzbistum Paderborn mit dem dann schriftlich erstellten Gutachten weiter umgehen.“

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