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Weil die Opfer eines Serien-Vergewaltigers nicht informiert werden:

Frauen demonstrieren gegen Polizei und Staatsanwaltschaft

Bielefeld

In Bielefeld wollen Menschen am Samstag demonstrieren, weil sie die Rechte von Vergewaltigungsopfern verletzt sehen. Hintergrund sind die Verbrechen eines Serientäters im Evangelischen Klinikum Bethel.

Von Christian Althoff

September 2020: Polizisten führen den Neurologen Philipp G. in Bielefeld zur Verkündung des Haftbefehls. Foto: meierpress

Vor a

cht Monaten hat sich ein als Serienvergewaltiger verdächtigter Neurologe (32) in Bielefeld das Leben genommen. Philipp G. hatte Patientinnen des Evangelischen Klinikums Bethel, aber auch Frauen aus einem persönlichen Umfeld, betäubt und missbraucht. Weil Polizei und Staatsanwaltschaft bis heute nicht alle identifizierten Opfer darüber informiert haben, was ihnen geschehen ist, wollen Samstag vor allem Frauen in Bielefeld demonstrieren. Nach Angaben der Polizei werden 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erwartet.

Eine Diplom-Pädagogin, (29) die zu den Organisatoren gehört aber wegen befürchteter beruflicher Konsequenzen ohne Namen in der Zeitung stehen möchte, sagt: „Wir sind eine Gruppe junger Bielefelder Feministinnen und können die Vorgänge nicht unkommentiert lassen. Der Täterschutz, der vom Krankenhaus, von der Polizei und der Staatsanwaltschaft betrieben wird, ist kein Einzelfall, sondern ein strukturelles Problem.“

Die Ermittlungsbehörden äußern sich nicht zur Zahl der Opfer (sie soll um 100 liegen) und begründen das mit „postmortalen Persönlichkeitsrechten“ des Arztes. Er hatte seine Taten gefilmt und Buch geführt, so dass die Frauen identifiziert werden konnten. Viele ahnen bis heute nicht, dass sie Opfer geworden sind.

Die Organisatorin: „Wir haben Kontakt zu einer der vergewaltigten Patientinnen. Sie begrüßt die Demo und hat einen Redebeitrag geschrieben, den wir von einer anderen Frau vorlesen lassen werden.“ Die Kundgebung beginnt am Samstag um 15.30 Uhr auf dem Innenstadtplatz Kesselbrink.

Der Argumentation, die Polizei wolle die Opfer durch Nicht-Information schützen, folge man nicht. „Die Traumaforschung zeigt, dass sich auch unbewusst erlebte Gewalt im Gedächtnis, auch im Körpergedächtnis, einbrennen kann.“ Wenn Opfer diese Empfindungen nicht einer Tat zuordnen könnten, sei das sehr verunsichernd, und die Einleitung eines Heilungsprozesses nicht möglich. „Wir wissen, dass eines der Opfer erst über die Presse von seiner Vergewaltigung erfahren hat. Das ist ein Skandal.“ Zudem hätten die Opfer, die nicht informiert worden seien, keine Chance, juristisch gegen das Krankenhaus vorzugehen.

Der Fall Bethel sei der Auslöser für den Protest der Feministischen Solidaritätsgruppe. „Aber es gibt strukturelle Probleme in der Gesellschaft, die den Nährboden für sexualisierte Gewalt und Täterschutz darstellen. Wie kann es sein, dass es kein Schutzkonzept in so einem großen Klinikum gab? Wie kann es sein, dass den Betroffenen, die sich gemeldet haben, von den anderen Ärzten nicht geglaubt wurde? Wie kann es sein, dass der Täter von Vorgesetzten geschützt wurde? Und dass Polizei und Staatsanwaltschaft eine lückenlose Aufklärung verhindern?“

Die Staatsanwaltschaft ermittelt seit Monaten gegen zwei Ärzte des Klinikums Bethel, die konkrete Hinweise von Patientinnen auf den Arzt Philipp G. möglicherweise abgetan und damit weitere Vergewaltigungen ermöglicht haben könnten .

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