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Altbundespräsident Joachim Gauck beim 101. Geburtstag des Vereins Gildenhaus

Freiheitlich und sozial

Bielefeld

Dass der frühere Bundespräsident Joachim Gauck (81), der zum Ende der DDR ein führendes Mitglied im Neuen Forum gewesen ist, den Wert der Freiheit schätzt, weiß man.

Von Bernhard Hertlein

Altbundespräsident Joachim Gauck (Zweiter von rechts) im Gespräch mit den Unternehmern (von rechts) Reinhard Zinkann, René Pankoke sowie Rudolf und Cornelia Delius. Foto: Thomas F. Starke

Doch beim Festakt zum 101. Geburtstag des Unternehmervereins Gildenhaus in der Bielefelder Oetkerhalle betonte er, wirtschaftliche Freiheit müsse mit Verantwortung gepaart sein.

Dies unterscheide die soziale Marktwirtschaft deutscher Prägung von dem System in den USA. Deshalb sei die Gesellschaft hierzulande stabiler – gefestigter nebenbei auch als jene einiger südeuropäischer Länder, wo es kaum noch Verständigung zwischen Arbeit und Kapital mehr gebe. Gauck appellierte an die Unternehmer, diesen Erfolg der sozialen Marktwirtschaft nicht wegen kurzfristiger Gewinne aufs Spiel zu setzen und „Zeter und Mordio“ zu schreien, wenn ein Mindestlohn gefordert werde.

Einen positiven Geist spürt Gauck beim Gildenhaus. Dessen Ziel nach der Gründung am 22. März 1920 sei gewesen, Unterstützung für die Marktwirtschaft zu gewinnen. Dazu habe der Verein aber von Anfang an Kontakt zu Organisationen der Arbeiterschaft geknüpft. Kritisch äußerte sich Gauck zur verbreiteten Fundamentalkritik an der „Agenda 2010“ von Gerhard Schröder. Eine gute Sozialpolitik müsse grundsätzlich „fördern und fordern“.

Zufrieden äußerte sich Gauck über ein Umfrageergebnis, wonach nur acht Prozent der deutschen Bevölkerung glaubten, in einem staatlich gelenkten System besser zu fahren als in der Marktwirtschaft. Bei allem Frust über höhere Wahlergebnisse für Extremisten in den neuen Bundesländern müsse man doch festhalten, dass die Mehrheit demokratische Parteien wähle. Zudem warb er um Verständnis, dass Menschen, die jahrzehntelang keine Freiheit erlebten und keine Eigenverantwortung übernehmen konnten, teilweise heute noch unter den Folgen litten.

René Pankoke, Bielefelder Unternehmer und Vorsitzender des Gildenhauses, erinnerte daran, dass man eigentlich lieber den 100. Geburtstag gefeiert hätte. Nun aber seien die Mitglieder nach so langer Pandemie froh, sich wieder einmal nicht nur virtuell zu treffen.

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