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Höxteraner Sergej Janzen findet nach langer Suche Beschäftigung bei der Weserstadtwerke-Service GmbH

Gemeinsam Tiefpunkte bewältigen

Höxter/Holzminden

Sergej Janzen ist 31 Jahre alt, fährt gerne E-Bike und hat eine abgeschlossene Ausbildung zum Bürokaufmann. Er lebt aber auch mit diversen körperlichen Einschränkungen, mit denen die meisten anderen Menschen in seinem Alter nicht umgehen müssen. Umso eindrucksvoller ist sein Weg zu einer Anstellung in der freien Wirtschaft.

Sergej Janzen (vorne) lebt mit diversen körperlichen Einschränkungen. Er freut sich darüber, von Andreas Nolte Foto: Agentur für Arbeit

Der heute 31-jährige Höxteraner machte trotz besonderer gesundheitlicher Einschränkungen seinen Abschluss zum Bürokaufmann. Dann jedoch folgt für ihn zunächst die Ernüchterung: Er schreibt etliche Bewerbungen, erhält aber nur Absagen. Fünf Jahre lang konnte er nach Abschluss der Ausbildung weder Arbeits- noch Praktikumsplatz finden.

„Ich war dann irgendwann definitiv auch an einem Punkt, an dem ich ganz unten war“, erinnert er sich. Doch der junge Mann gab nicht auf – und heute kann er behaupten, dass das die richtige Einstellung war: Nach der Teilnahme an der Unterstützten Beschäftigung der Agentur für Arbeit Paderborn und Praktika zur betrieblichen Erprobung ist er heute bei der Weserstadtwerke-Service GmbH als kaufmännischer Mitarbeiter eingestellt. Das Unternehmen hält in den Städten Höxter und Holzminden Wasser- und Gasleitungen instand, legt Hausanschlüsse und verkauft auch Strom, Wasser und Gas.

Andreas Nolte, Vertriebsleiter bei den Weserstadtwerken, ist von seinem neuen Mitarbeiter überzeugt: „Es passt zwischen uns, er ist motiviert und trotz der für ihn besonderen Herausforderungen gut dabei. Und für mich ist es besonders wichtig: Er denkt mit, sieht Arbeit, man muss ihm nicht alles sagen. Er gehört inzwischen einfach fest zu unserem Team im Kundenbüro.“ Auch der junge Bürokaufmann selbst ist glücklich mit seiner Situation: „Ich habe hier vieles dazu gelernt.“ Es habe aber auch Herausforderungen gegeben: Der direkte Umgang mit Kunden fiel ihm zunächst schwer. „Da hatte ich wirklich Hemmungen. Aber inzwischen bin ich da sehr viel sicherer geworden.“

Doch wie kamen Janzen und Nolte – Arbeitnehmer und Arbeitgeber – zusammen? Sein Erfolgsweg begann, als seine Beraterin bei der Arbeitsagentur, Elke Epping, ihm vorschlug, an der Unterstützten Beschäftigung bei IN VIA St. Lioba in Paderborn teilzunehmen. Die Beraterin im Team Berufliche Rehabilitation und Teilhabe veranlasste alles Notwendige, sodass Sergej Janzen ab Januar 2020 an der Förderung teilnehmen konnte. Sie berichtet: „Da Herr Janzen aufgrund seiner gesundheitlichen Ein-schränkungen öffentliche Verkehrsmittel nicht nutzen kann, übernahm die Agentur für Arbeit neben den Kosten für die Teilnahme an der Maßnahme auch eine Kfz-Förderung, die einen Zuschuss zur Anschaffung des Autos und die Finanzierung des behinderungsbedingt notwendigen Umbaus beinhaltet. So konnte seine Mobilität erhöht werden und er kann seine jetzige Arbeitsstelle besser erreichen.“

Bei der Unterstützten Beschäftigung kümmert sich Qualifizierungstrainerin Marita Mollet mit ihren Kollegen um die Teilnehmer der Fördermaßnahme. „Unser Hauptziel ist es, die Menschen mit Behinderung unmittelbar in einem Betrieb unterzubringen, sie sollen in eine reguläre Beschäftigung kommen“, erläutert Mollet. Das ist auch bei Sergej Janzen der Ansatz gewesen: Es wurden seine Fähigkeiten und Stärken erarbeitet. Neben der Wiederaufnahme von logopädischen und physiotherapeutischen Behandlungen stand insbesondere die Suche nach einem Praktikumsplatz auf der Agenda. „Herr Janzen hatte viele Vorschläge, brachte sich hochmotiviert ein, nannte Unternehmen, die er aus seiner Heimatregion kannte. Geklappt hat es schließlich bei den Weserstadtwerken.“

Sergej Janzen konnte sein Praktikum im Holzmindener Büro beginnen und mit einer Anstellung erfolgreich anschließen. Andreas Nolte: „Mir war es wichtig, Sergej eine Chance zu geben. Natürlich war seine Einarbeitung im Team langwieriger, aber er hat andere Stärken, die er ins Team einbringt. Der soziale Zusammenhalt hat auch davon profitiert.“

Der besondere Einsatz des Arbeitgebers wird neben einem Eingliederungszuschuss (EGZ) der Agentur für Arbeit durch den Integrationsfachdienst unterstützt. Dieser hilft Menschen mit einer Behinderung, eine für sie geeignete Beschäftigung zu finden. In diesem Rahmen können auch Arbeitgeber unter gewissen Voraussetzungen finanzielle Leistungen, finanziert vom LWL, erhalten.

Heike Pollmeier ist dort als Fachkraft auch für die Förderung von Beschäftigungen am ersten Arbeitsmarkt als Alternative zur Behinderten-Werkstatt zuständig. „Das ist auch bei Herrn Janzen und der Weserstadtwerke-Service GmbH der Fall. Über fünf Jahre kann das Unternehmen einen Zuschuss bekommen“, erklärt sie.

Für die Beraterin der Arbeitsagentur, Elke Epping, ist Janzens Geschichte ein wichtiger Mutmacher: „Viele Menschen mit Behinderung haben aufgrund der gesundheitlichen Einschränkungen große Sorge, keinen Arbeitsplatz am allgemeinen Arbeitsmarkt zu finden. Oft kommen weitere Hemmnisse hinzu. Dieses können zum Beispiel ein fehlender Abschluss oder fehlende Mobilität sein. Hier gilt es, diese Hemmnisse perspektivisch auszugleichen.“ Geschichten wie Janzens könnten viel Hoffnung machen. Janzen selbst weiß, dass man nicht aufgeben darf: „Jeder ist mal an einem Tiefpunkt angekommen. Wichtig ist, dass man immer weitermacht, wieder aus dem Loch herauskommt. Irgendwann kommt dann meist die Chance, die das Blatt wendet.“

Menschen mit Behinderung, die auf eine besondere Unterstützung angewiesen sind, können sich unter Paderborn.161-Reha@arbeitsagentur.de an das Team für Berufliche Rehabilitation und Teilhabe wenden. Arbeitgeber, die eine Beratung zur Einstellung von Menschen mit Behinderung wünschen, können sich unter Telefon 05251/120261 oder E-Mail Paderborn.Arbeitgeber@arbeitsagentur.de melden.

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