War es Unfallflucht oder nicht: Anwalt feilscht mit Richterin und Staatsanwaltschaft um Verfahrenseinstellung

Gerichtssaal wird plötzlich zum Basar

Kirchlengern/Pade...

Hat ein Lieferfahrer (61) aus Altenbeken beim Ausladen von Möbeln den Wagen einer Kirchlengeranerin (65) beschädigt und ist dann einfach abgehauen? Eine Antwort auf die Frage gibt‘s im Prozess vor dem Bünder Amtsgericht zwar letztlich nicht. Dafür fühlen sich die Verfahrensbeteiligten am Ende der Verhandlung auf einen orientalischen Basar versetzt.

Von Daniel Salmon

Foto: dpa

Es ist eigentlich ein Bagatellfall, der am Donnerstagmorgen in Saal 1 des Justizgebäudes zur Anklage kommt. Dem Mann aus Altenbeken, der für eine Paderborner Spedition tätig ist, wird „Unerlaubtes Entfernen vom Unfallort“ vorgeworfen.

Unbestritten ist: Gegen 8.30 Uhr am 5. Oktober vergangenen Jahres fährt der Mann mit seinem Laster in der schmalen Sackgasse, an der die Kirchlengeranerin wohnt, vor. Diese hat Möbel bestellt, die nun geliefert werden sollen. „Ich bin rückwärts mit meinem Wagen in die Straße gefahren, so 30 bis 40 Meter“, erinnert sich der Angeklagte, der seit 1985 schwere Brummis lenkt. Danach habe er die Ware ausgeladen, mit einem Hubwagen vor die Haustür der 65-Jährigen gestellt und sei dann gefahren. Hier endet die Version des Angeklagten. Von einem Schaden am Auto der Kirchlengeranerin, vor dem er seinen Transporter abgestellt hat, wisse er nichts.

Dann tritt die Geschädigte in den Zeugenstand. „Ich habe in meiner Haustür gestanden. Gesehen habe ich nichts. Aber einen lauten Knall habe ich gehört. Das hat derbe laut gepoltert. Und dann hat jemand geflucht“, erklärt die Frau. Ab da wird ihre Version wieder deckungsgleich mit der Geschichte des Altenbekers. „Er hat die Möbel vor die Tür gestellt und ist weggegangen.“ Die 65-Jährige geht dann zur Straße, will wissen, was da so geknallt hat. Sie entdeckt eine Riesenschramme an ihrem Wagen (Schaden: rund 900 Euro), verdächtigt sofort den verschwundenen Lieferfahrer und ruft in dessen Firma an. „Die haben mir gesagt, ich soll die Polizei holen.“ Die Beamten kommen, sichern Spuren – unter anderem Reste von Plastikfolie, die am Auto der geschädigten kleben. Doch stammt diese wirklich von den verpackten Möbeln, die der 62-Jährige angeliefert hat? Fest steht: Obwohl die Schuldfrage noch nicht geklärt ist, reguliert die Versicherung der Speditionsfirma den Schaden rasch.

Letztlich steht im Strafverfahren Aussage gegen Aussage. „Eine Frage ist, können wir Ihnen die Vorwürfe 100-prozentig nachweisen? Es bleibt zumindest das Geschmäckle, das da was passiert sein könnte im zeitlichen Zusammenhang“, wendet sich die Richterin an den Angeklagten. Aber soll man wegen so einer Lappalie extra einen Gutachter einschalten und noch weiterermitteln?

Die Juristin bringt stattdessen eine Einstellung gegen Zahlung einer Geldauflage ins Spiel. Auch die Staatsanwaltschaft könnte sich damit anfreunden. 500 Euro soll der Lkw-Fahrer zahlen. Doch damit ist der Anwalt des Mannes nicht einverstanden. Für ihn kommt nur ein Freispruch infrage: „Ein Tatnachweis ist doch nicht gegeben.“

Der Verteidiger beginnt um die Höhe der Geldauflage zu feilschen: „Mit 300 Euro wären wir einverstanden.“ So richtig sind Richterin und Staatsanwältin von diesem Vorschlag nicht angetan: „Wir sind hier doch nicht auf einem Basar.“ Um den Prozess aber nicht noch unnötig in die Länge zu ziehen, verständigt man sich nach einer längeren Debatte auf den Vorschlag des Anwalts. „Der Normalfall ist das aber nicht“, stellt die Richterin klar

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