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Telegrafenstation Oeynhausen öffnet nach Umbau wieder zum Tag des offenen Denkmals

Handy des Königs frisch renoviert

Nieheim-Oeynhausen

Die Telegrafenstation Oeynhausen ist umgebaut und gedämmt worden.

Von Ralf Brakemeier

Foto:

Bei guter Vorbereitung dauerte es nur zwei Minuten, bis das Citissime („Eilmeldung“) des Auswärtigen Amtes die 1200 Kilometer zwischen Berlin und Koblenz und wieder zurück überwunden hat. Aber nur, wenn die Männer an den Schalthebeln, die Indikatoren in Rekordzeit in die vorbestimmte Position bewegten. In weniger dringenden Fällen brauchte das „Handy des Königs“ schon gut fünf Stunden, bis die Botschaft den weiten Weg quer durchs Land zurück gelegt hatte – fünf Stunden und die Hilfe von gut 120 Mann in den 62 Stationen der preußischen optischen Telegrafenlinie.

Einweihung Sonntag

Station 32, also etwa auf der Hälfte der Strecke, ist Oeynhausen. Die Station, die vom Heimatverein Oeynhausen in mühevoller Kleinarbeit von 1979 bis 84 wieder aufgebaut worden war, steht nun, nach umfangreichen Sanierungsmaßnahmen, wieder für Besichtigungen zur Verfügung. Die Einweihung nehmen Bürgermeister Johannes Schlütz und der stellvertretende Landrat Werner Dürdoth am Tag des offenen Denkmals, am Sonntag, 12. September, ab 11 Uhr vor.

Bei „Telegrafiewetter“ sind die Indikatoren (Signalarme, Bild rechts) der Station weithin sichtbar. Foto: Ralf Brakemeier

Die schlechte Isolierung der Rekonstruktion aus den frühe 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts setzte dem Gebäude zu. „Im Winter konnte man hier gar nicht sitzen, da lief das Wasser innen an den Scheiben runter, war der Turm zum Teil von innen vereist“, erinnert Klara Heinemann, Vorsitzende des Heimatvereins Oeynhausen, an den Zustand bis vor einigen Monaten, als gerne mal 90 Prozent Luftfeuchtigkeit in den Räumen gemessen wurden. Die Teilnahme am Förderprogramm „Heimatzeugnis“ des NRW Heimatministeriums machte nun einen umfassenden energetischen Umbau möglich.

Eine Dämmung der Wände von innen und die Installation einer Wandheizung, die von einer Luftwärmepumpe gespeist wird, gehörten zu den wichtigsten Maßnahmen.

Interaktiv entdecken

„Es wurde aber auch eine Modernisierung der Präsentation gefördert“, freut sich Klara Heinemann, die vielen Gruppen die Funktionsweise der Telegrafenstation erklärt, besonders. Ein Beamer mit Leinwand und Lautsprechern im Hauptraum – hier können auch gerne Feiern von Familien, Freunden, Firmen oder Vereinen durchgeführt werden – erlaubt das zeigen von Filmen, via Touchscreens können die Besucher sich selbst interaktiv auf Spurensuche in die interessante, aber sehr kurze Geschichte der Telegrafie in Oeynhausen begeben. Gut 280.000 Euro wurden in den vergangenen eineinhalb Jahren in den Erhalt des Museums investiert.

In dem Comic wird eine fantastische Geschichte mit lokalen Sehenswürdigkeiten verbunden. Foto: Ralf Brakemeier
Klara Heinemann

Tatsächlich war die Station, als Teil der Telegrafenlinie, nur knapp 16 Jahre von 1833 bis 49 in Betrieb. Dann wurde sie von der elektromagnetischen Telegrafie abgelöst, die eben nicht auf „Telegrafiewetter“ angewiesen war. Denn die 62 optischen Stationen konnten nicht nur nicht nachts arbeiten. Schon bei nur leichtem Nebel oder Regen oder auch, wenn die Sonne zu grell scheint, sind Signale der nächstgelegenen Station – sie wurden im Abstand von 7 bis 14 Kilometern erbaut – nicht mehr zweifelsfrei zu erkennen. Welche Nachrichten über die militärische Einrichtung verschickt wurden, ist nach mehr als 150 Jahren kaum mehr nachzuvollziehen, auch, weil ein Brand im geheimen Staatsarchiv fast sämtliche Mitschriften vernichtet hat.

Auf Touchscreens können sich die Besucher der Station selbstständig interaktiv informieren. Foto: Ralf Brakemeier

Klara Heinemann: „Wir wissen heute nur, dass die Depeschen chiffriert versendet wurden und vom Empfänger mit Chiffre-Büchern dechiffriert werden mussten.“ „Der Pöbel zieht durch Berlin“, lautete eine der wenigen erhaltenen Depeschen, die im März 1848 („Märzrevolution“) von Berlin über Oeynhausen in das Rheinland geleitet wurden.

Immer erreichbar

Nur wenige Telegrafenstationen sind erhalten geblieben. In Oeynhausen waren zum Teil zwei Familien dauerhaft untergebracht. Der Ober- und der Untertelegrafist mussten bei gutem Wetter ständig erreichbar sein. Mehr als 4000 mögliche Zeichen konnten empfangen und versendet werden.

Darunter nicht nur Zahlen und Buchstaben, es gab auch Indikatoren-Kombinationen, die für einzelne Silben, Worte oder ganze, festgelegte Sätze standen. 4.2, 4.2, 5.1 war zum Beispiel das Kürzel für „Nieheim“. Mehrmals pro Woche wurden die Schwarzwälder Uhren, die in jeder Station installiert waren, nach der Berliner Zeit abgeglichen.

Filmteam zu Besuch

Für die spannende Geschichte der Telegrafie in Oeynhausen hat sich auch kürzlich ein Filmteam mit zwei bekannten Influenzerinnen interessiert. Der Beitrag wird demnächst in einer Reihe im ARD-Fernsehen zu sehen sein.

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