1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Hoch zu Ross auf Nettes Spuren

  6. >

Romanautorin Karen Duve und Sängerin Bettina Bruns gestalten auf dem Bökerhof Abend mit Lesung und Musik

Hoch zu Ross auf Nettes Spuren

Brakel-Bökendorf

Auf den Spuren der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff ziehen die Schriftstellerin Karen Duve und die Mezzosopranistin Bettina Bruns zu Pferd durch Westfalen. Die beiden Frauen gestalteten auf der Wiese vor dem Schloss Bökerhof einen Abend mit Lesung, Gespräch und Musik.

Von Sabine Robrecht

Nach zehn Tagen Reise zu Pferd sind Karen Duve (links) und Bettina Bruns am Montag am Bökerhof eingetroffen. Foto: Bernhard Aufenanger

Das Reisen war vor 200 Jahren kein Spaziergang. Mal eben ins Auto steigen und flugs über die Autobahn – dieser Komfort war unvorstellbar. Stattdessen sattelten die Reisenden ihr Pferd. Unerbittlich peitschten ihnen Regen, Hagel und ein rauer Wind ins Gesicht. Und es dauerte, ehe man ankam.

Von langen, beschwerlichen Reisen wusste die Dichterin Annette von Droste-Hülshoff (1797 - 1848) ein Lied zu singen. Sie war oft unterwegs, allein schon, weil die große Verwandtschaft im Kreis Höxter regelmäßig besucht werden wollte. Vor den Unbilden des Niederschlags war das Adelsfräulein zwar weitgehend geschützt. Denn man reiste standesgemäß mit der Kutsche. Aber auch die war nicht bequem und blieb in manchem Schlagloch wegen Achsbruchs liegen oder steckte nach Starkregen fest im Morast. Wenn es dann endlich weiterging, wurde Annette vom Schaukeln der Kutsche speiübel.

In diese ungemütlichen Reisesituationen nimmt die Autorin Karen Duve die Leserinnen und Leser ihres Bestsellerromans „Fräulein Nettes kurzer Sommer“ mit. Als die Erfolgs-Schriftstellerin jetzt mit diesem bemerkenswerten Buch im Gepäck zur Lesereise durch Westfalen aufbrach, setzte sie sich nicht ans Steuer, sondern stieg – wie vor 200 Jahren üblich – aufs Pferd. Hoch zu Ross starteten sie und die Mezzosopranistin Bettina Bruns genau dort, wo damals auch die Protagonistin des Romans, Annette von Droste-Hülshoff, aufgebrochen war: an der Burg Hülshoff vor den Toren Münsters. Sie ist Nettes Geburtsort und beherbergt heute das „Center for Literature“, dessen Team die Veranstaltungsreihe „Fräulein Nette unterwegs“ mit Karen Duve ersonnen und realisiert hat.

Erste Station nach zehn Tagen entschleunigter Reise zu Pferd war der Bökerhof, wo Annettes Großeltern und ihre vielen Nachkommen, die „große Generation“ der traditionsreichen Adelsfamilie von Haxthausen, vor 200 Jahren lebten. Illustre Besucher gaben sich die Klinke in die Hand. Nette lernte sie alle kennen. Und erlebte 1820 mit zweien der Besucher ihre „Jugendkatastrophe“.

Diese Tragödie wurde ebenso wie die Droste selbst gegenwärtig, als Karen Duve am spätsommerlich schönen Dienstagabend am authentischen Ort – vor dem Schloss Bökerhof – aus ihrem Roman vortrug. Das Buch erzählt nämlich von jenem Liebesdrama, das Annettes Leben und Werk nachhaltig beeinflussen sollte.

Als es geschah, war sie 23 und zu Besuch bei den Großeltern. Annette bereitete ihrer Familie zu der Zeit schon seit Jahren Kopfzerbrechen. Sie war frech, aufmüpfig und schickte sich zu all dem schlechten Benehmen auch noch an, zu schreiben. Unerhört für eine Frau ihres Standes! Und als ob das alles nicht schon genug wäre, bändelte sie auch noch mit dem bürgerlichen Studenten Heinrich Straube an, der als Studienfreund ihres Onkels August von Haxthausen auf dem Bökerhof zu Gast war. Diese Liaison galt es zu unterbinden. Also wurde ein anderer Freund, August von Arnswaldt, auf sie angesetzt. Er startete eine Charmeoffensive und verdrehte Annette den Kopf. Die ließ sich einwickeln und fing sich aber sofort wieder, weil sie ja schließlich Straube, ihrem Herzensfreund, liebte.

Karen Duve

Trotzdem sagten sich beide Männer von ihr los. Und Annette ahnte in ihrer Fassungslosigkeit zunächst nicht, dass ein Komplott dahinter steckte. Arnswaldts Annäherungsversuche waren eine Intrige, bei der auch die Verwandtschaft ihre Finger im Spiel hatte.

Nach dieser Zäsur ist Annette von Droste-Hülshoff zu der Schriftstellerin geworden, als die sie heute bekannt ist. „Die Intrige hat ihr Schreiben verändert“, sagte Karen Duve, die sich selbst übrigens auf Nachfrage der Moderatorin des Abends, Miriam Michel, als einen Menschen beschrieb, „dem es unendlich schwer fällt, zu schreiben“. Manchmal empfinde man es so, wenn man an einem Buch arbeite. An anderen Tagen laufe es dann wie am Schnürchen. Die Selbstzweifel gehörten aber dazu, wenn ein Buch gut werden soll.

Caspar Freiherr von Haxthausen, Nachfahre der Familie von Annette von Droste-Hülshoff, erzählte in der Gesprächsrunde mit Karen Duve und und Bettina Bruns aus seinem Metier, der Landwirtschaft, und ihrem Wandel seit der Zeit vor 200 Jahren. Bettina Bruns und Daniel Görlitz gestalteten den Abend musikalisch.

Das Team des Center for Literature dankte dem Bökendorfer Bernhard Aufenanger für die Unterstützung vor Ort und kündigte als nächste Station den Gräflichen Park Bad Driburg an. Dort kurte Nette 1819 zusammen mit ihrer Großmutter. Vom Bökerhof aus waren sie nach Driburg gefahren.

Der Abend vor dem Schloss der Familie von Haxthausen in Bökendorf klingt bei den Gästen nach. Die Karten waren sehr gefragt. „Ursprünglich waren nur 50 Plätze unter einen Stretch-Zelt vorgesehen, um wetterunabhängig zu sein“, berichtet Bernhard Aufenanger. Weil die Wetterprognose für den Dienstag aber so gut war, erübrigte sich das Zelt und es konnte um 25 Plätze erweitert werden. Das freute 25 Kulturfreunde, die auf der Warteliste gestanden hatten.

Startseite