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Landtag befasst sich mit dem Schicksal ehemaliger Kurkinder – Betroffene verlangen Anerkennung ihres Leids

Hunger, Heimweh, Schläge

Düsseldorf/Detmold

Statt Erholung drohten Prügel, Isolierung, Demütigung – die Berichte vieler ehemaliger Kurkinder sind erschütternd. Betroffene fordern Aufarbeitung der Schicksals von Millionen „Verschickungskindern“. Der NRW-Landtag hat am Montag auf Antrag der SPD Experten zu dem Thema angehört.

Von Dorothea Hülsmeier (dpa) und Andreas Schnadwinkel (WB)

Kinder sollten körperlich gestärkt werden, doch manche wurden gequält: Der nordrhein-westfälische Landtag hat am Montag Sachverständige zur Aufarbeitung des Schicksals von Verschickungskindern in und aus NRW angehört. Foto: dpa

„Wir stehen am Beginn der Aufarbeitung eines weiteren dunklen Kapitels deutscher Nachkriegsgeschichte und der damals geltenden Sicht auf das Kind“, sagt der familienpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Dennis Maelzer aus Detmold.

Dennis Maelzer, SPD-Landtagsabgeordneter. Foto:

Das Wichtigste für den lippischen Landtagsabgeordneten: „Der Ball darf jetzt nicht zwischen Bund und Ländern hin und her gespielt werden. Und ich finde, dass der komplette Landtag zur Aufarbeitung stehen sollte.“ Neben SPD und CDU haben sich auch Wissenschaftler und Kirchen für eine bundesweite Aufarbeitung ausgesprochen.

„Wir wurden verschickt, um gesund zu werden, vor allem, an Gewicht zuzunehmen, etliche mehrfach“, schreibt Maria Dickmeis, Vorstand des Vereins zur Aufarbeitung Kinderverschickungen NRW e.V. „Wir wurden von unseren Familien getrennt, jeglicher Kontakt wurde unterbunden. Einige von uns waren gerade mal vier Jahre alt. Und: Wir kamen zu Tausenden gedemütigt zurück, durch physische und psychische Gewalt geschädigt.“

Noch geht es den Betroffenen nicht um individuelle Entschädigungen, sondern um die Anerkennung ihres Leids. Die bundesweit agierende Initiative Verschickungskinder fordert Finanzmittel von mindestens drei Millionen Euro für eine zentrale Bundesstelle und Landesgruppen, die beraten und vernetzen sollen. Au­ßerdem müssten Archive geöffnet und das Thema wissenschaftlich aufgearbeitet werden.

„Man kann sich das erfahrene Unrecht und Leid nicht vorstellen, deshalb ist es umso wichtiger, dass wir den Betroffenen helfen, ihre Geschichte aufzuarbeiten und sich selbst und ihren Lebensweg besser zu verstehen“, sagt auch Maelzer. „Sie haben nach der Demütigung in der Kinderkur jahrzehntelang Bagatellisierung oder Ignoranz erfahren.“

Erschütternde Berichte sind auf der Internetseite verschickungsheime.de zu lesen: Trinkverbot bei Bettnässen, Duschen im Keller mit dem Gesicht zur Wand, während kochend heißes Wasser aufgedreht wurde. Besuchsverbot für Eltern, Zensur der Briefe an zu Hause. Schläge durch die „Tanten“, Erbrochenes aufessen, nächtliches Strafsitzen im kalten Flur. Einst fröhliche Kinder kehrten oft verängstigt nach Hause zurück. „Schwarze Pädagogik“ werden die grausamen Methoden in der Fachwelt genannt. Heute sind die „Verschickungskinder“ oft schon im Rentenalter – doch ihre Erfahrungen in den Kurheimen haben sie ihr Leben nicht losgelassen. Viele berichten von lebenslanger Schlaflosigkeit, Depressionen und Verlassenheitsgefühlen.

Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) hatte im vergangenen Oktober eingeräumt, die Aufarbeitung stehe noch ganz am Anfang. Es werde aber „Zeit, Licht in das Dunkel zu bringen und das Leid der Opfer anzuerkennen.“ Das Ministerium fördert ein Projekt der NRW-Initiative zur Beratung von traumatisierten ehemaligen Verschickungskindern und Unterstützung von Bürgerforschung. Außerdem wurde eine Kurzstudie in Auftrag gegeben.

Auffällig sei, dass es Gewalt und Demütigung in allen Heimen und bei allen Trägern gegeben habe, sagt die CDU-Abgeordnete Charlotte Quik. Für sie stecke System dahinter. Bisher sei aber noch nicht aufgearbeitet, wodurch diese Systematik über die Bundesländer, Kurorte und Träger hinweg entstanden sei. „Wir wissen nur: Diese Kinderkuren waren eine Gelddruckmaschine“, sagt Quik.

Kinderkuren seien „ein Massenphänomen der 50er bis 80er Jahre gewesen, schreiben die Kirchen. Bundesweit gab es nach Schätzungen etwa 1000 Heime in unterschiedlicher Trägerschaft. Etwa zehn bis 15 Prozent wurden von den Kirchen und Wohlfahrtsverbänden betrieben. Es gebe „keinen Zweifel daran“, dass auch dort „junge Menschen im Rahmen von Kinderkuren Leid erfahren haben“.

Auch NRW-Kommunen und Unternehmen betrieben Kurheime etwa auf Nordseeinseln, schreibt die Abteilung für westfälische Landesgeschichte des Historischen Seminars der Universität Münster. Zahlreiche Stellen seien an der Organisation der Kinderholungskuren beteiligt gewesen. Dokumente lägen teils bundesweit verteilt in Landes-, Kirchen- oder Unternehmensarchiven. Die Gründung ei­ner NRW-Projektstelle könne Betroffenen bei Recherchen helfen. Gleichwohl, so die Historiker, seien nicht alle von den Kinderkuren traumatisiert worden. Einige verbänden sogar positive Erinnerungen damit. Ihre Perspektive müsse bei einer wissenschaftlichen Aufar­beitung mitgedacht werden.

Laut Maelzer sei am Montag überhaupt nicht gut angekommen, dass die kommunalen Spitzenverbände ihre Teilnahme an der Anhörung abgesagt hatten. „Das halte ich für ein vollkommen falsches Signal. Denn irgendeine Einrichtung wird zuständig gewesen sein. Und es ist davon auszugehen, dass kommunale Jugendämter Dinge entschieden und daher natürlich auch mitverantwortlich waren“, so Maelzer weiter.

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