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Ob Schuhe, Mode oder Möbel: Hersteller und Händler kämpfen mit Lieferengpässen – Preise sollen steigen

In den Geschäften drohen Lücken

Bielefeld/Detmold/Halle

Liefer- und Produktionsengpässe unter anderem bei Möbeln, Mode und Schuhen machen Welt-Unternehmen wie Ikea, aber auch ostwestfälisch-lippischen Herstellern wie Gerry Weber und Wortmann in Detmold zu schaffen. Auch Seidensticker, mit Produktionsstätten in Vietnam und Indonesien vertreten, hat zu kämpfen.

Von Oliver Horst

Foto: Jaroslav Novák

In immer mehr Branchen ziehen Liefer- und Produktionsengpässe in der Corona-Krise Kreise. Vor allem bei Schuhen, Mode oder Möbeln treten zusehends Nachschubprobleme auf. Hersteller und Händler fürchten inzwischen, dass es in den Läden zu Lücken in den Regalen kommt. Betroffen sind Weltkonzerne wie Adidas oder Ikea genauso wie Branchengrößen aus OWL. Der Schuhhersteller Wortmann aus Detmold, der Bielefelder Hemdenhersteller Seidensticker oder der Haller Modekonzern Gerry Weber kämpfen mit denselben Problemen. Für Kunden wird Ware derweil nicht nur knapp, sondern auch teurer.

In vielen Modeläden liegt nur 50 Prozent der vorgesehenen Ware, heißt es in der Branche. Die Teile werden großzügig präsentiert, um keine Lücken in den Regalen zu offenbaren. In Schuhläden stehen dieselben Modelle in verschiedenen Größen nebeneinander, um eine größere Auswahl zu suggerieren. Und bei Ikea ist das Standardmodell des Regal-Klassikers „Billy“ schlichtweg nicht verfügbar – weder online noch in irgendeiner deutschen Filiale.

Die Gründe für das Dilemma liegen vor allem in den mittelbaren und unmittelbaren Auswirkungen der Corona-Pandemie. So bremsen Infektionswellen in Asien mit zuletzt etwa wochenlangen Lockdowns in Vietnam die Produktion aus. Zudem sorgen Verwerfungen in den Logistikketten – von geschlossenen Hafenterminals über knappe Kapazitäten an Seecontainern bis hin zu einer Verzehnfachung von Frachtraten – für massive Lieferprobleme. Und das knappe Angebot trifft auf eine nach den Beschränkungen in wichtigen Absatzmärkten wieder anziehende Nachfrage. Kurzum: eine äußerst kritische Mischung.

Bei Schuhen und Textilien sind die langen, gerade erst aufgehobenen Lockdown-Schließungen vieler Werke in Vietnam ein herber Schlag gewesen. Das südostasiatische Land gilt in den Branchen als eines der wichtigsten Produktionsländer. Der deutsche Sportartikelhersteller Adidas etwa bezog im vergangenen Jahr 28 Prozent all seiner Lieferungen aus Vietnam. Bei Schuhen lag der Anteil sogar bei 42 Prozent. Zum Teil sei die Produktion zeitweise in andere Länder verlagert worden, teilt ein Adidas-Sprecher mit. Ähnlich ist die Lage auch beim US-Rivalen Nike, der von einem Produktionsausfall von mindestens zehn Wochen spricht. Deshalb ist inzwischen die Sorge groß, dass Sneaker und Sportschuhe im Weihnachtsgeschäft knapp werden. Erst recht, weil Lieferungen aus Asien aktuell oft doppelt so lange brauchen als sonst üblich.

Auch der Detmolder Schuhhersteller Wortmann mit der Marke „Tamaris“ war von Lockdowns in Vietnam betroffen. Zudem habe die vorübergehende Schließung chinesischer Häfen zu Transportverspätungen geführt. „Bisher sind wir vergleichsweise gut durch diese schwierige Situation gekommen“, sagt Wortmann-Chef Jens Beining dennoch. Durch eine frühe Platzierung von Aufträgen und eine enge Begleitung der Produktionsstätten seien „die negativen Effekte minimiert“ worden.

„Allerdings ist davon auszugehen, dass es in den kommenden Monaten noch zu einer weiteren Verschärfung, insbesondere in Bezug auf die Transportsituation, kommen wird“, sagt Beining. Wegen fehlender Containerkapazitäten bleibe vielfach fertige Ware in Häfen stehen. Die explodierten Frachtraten und vor allem die Knappheit von Rohstoffen wirkten sich auf die Kosten aus. Beining: „Wir versuchen, die preislichen Effekte in der Beschaffung bestmöglich abzumildern, jedoch sind auch wir gezwungen, die Preise anzupassen.“ Dies gelte für Schuhe aus Asien wie auch für Ware aus europäischer Produktion.

Gerd-Oliver Seidensticker kennt die Situation in Asien nur zu gut. Der Bielefelder Hemden- und Blusenhersteller unterhält vier Produktionsstätten in Vietnam und Indonesien. „Unsere eigenen Werke sind aufgrund von vorausschauenden und umfangreichen Hygienemaßnahmen von behördlichen Schließungen weitgehend verschont geblieben“, sagt Seidensticker. Er betont, dass sein Unternehmen auch fest an der Seite von Partnern und Zulieferern gestanden habe. „Wir haben weder Aufträge abgezogen noch Rabatte eingefordert.“ Sorge bereite in erster Linie die Vorstufe: Einige Stofflieferungen kämen verzögert.

Auch wenn Seidensticker ebenfalls mit Logistikproblemen zu kämpfen hat, „sind wir aber grundsätzlich lieferfähig“, betont der geschäftsführende Gesellschafter. „Bis März sind wir sehr gut ausgelastet und optimistisch, alles servicegerecht abwickeln zu können.“ Aktuell spitze sich die Situation insbesondere aufgrund der angespannten Lage im Seefrachtbereich aber zu. Und infolge der Probleme „verteuert sich zwangsläufig auch die Ware und dies über alle Produktgruppen“, sagt Seidensticker.

Auch bei Gerry Weber wird alles unternommen, um die Warenbeschaffung sicherzustellen. „Wir versuchen Produktionszeiten zu verkürzen oder durch Vorkäufe eine frühere Fertigstellung zu erreichen, um dann jeweils über die Art des Transports zu entscheiden“, sagt Einkaufsdirektorin Heike Wendorf. Langfristige Lieferbeziehungen und eine ausgewogene Verteilung auf mehrere Lieferanten und Länder bewährten sich jetzt. Mit einer Normalisierung der Lage wird beim Haller Modekonzern nicht zeitnah gerechnet – frühestens 2023, heißt es.

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