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Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Paderborn erhält zwei Turniertische – Zahl der Patienten nimmt zu

Kickern gegen den Trübsinn

Paderborn

Ein Kickertisch ist das Gegenteil einer Beruhigungstablette. Er bringt Bewegung in traurige Gesichter. „Kickern ist sehr emotional, man ist im Hier und Jetzt, Konzentration und Teamfähigkeit werden gefördert“, sagte Thuy-Van Truong am Sonntag bei der Übergabe von vier hochwertigen Kickertischen in der Klinik des LWL für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Paderborn.

Von Dietmar Kemperund

Thuy-Van Truong, Jan Hendrik Unger (kaufmännischer Direktor der Klinik), Benjamin Ridder (Dspace), Filip Salem, Dietrich Honervogt und Falk Burchard (von links) weihten am Sonntag die Kickertische ein. Foto: Dietmar Kemper

Die zweifache WM-Teilnehmerin und deutsche Vizemeisterin von der Kickerliga Paderborn vertrat den an ALS erkrankten Gründer des Vereins „So viel Freude“, Engelbert Diegmann. Dessen Verein hat bereits fast 300 Kinderkliniken in Deutschland mit Turnier-Kickertischen versorgt.

Apropos Versorgung: Die medizinische Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit psychischen Erkrankungen ist durch die Corona-Pandemie noch wichtiger geworden, als sie es schon vorher war. Inzwischen plagten sich auch Neun- oder Zehnjährige häufiger als früher mit Selbstmordgedanken und stiegen aufs Dach, sagte der Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit Stationen in Marsberg und Paderborn, Dr. Falk Burchard. „Ess- und vor allem Zwangsstörungen haben deutlich zugenommen“, hat er festgestellt. Corona habe innerhalb der Familien für Spannungen gesorgt, und jetzt, da die Kinder wieder regulär in die Schule gehen, erlebten sie die Leistungsanforderungen wieder direkt in den Klassen. Der Leitende Oberarzt Dr. Filip Salem hat beobachtet, dass vor allem der Anteil der Siebzehnjährigen an den Patienten hoch ist. Die Tatsache, dass sie bald 18 und damit erwachsen werden, mache ihnen buchstäblich Angst.

Aber schon vor Corona ging die Kurve nach oben. „Wir haben zwischen 2014 und 2017 eine deutliche Zunahme in der stationären Versorgung erlebt“, sagte Burchard.

Etwa 1000 Kinder und Jugendliche von sechs bis 18 Jahren werden pro Jahr in Paderborn und Marsberg stationär behandelt, bis zu 6000 ambulant. Für Letztere gibt es Tageskliniken wie die am Karl-Schoppe-Weg in Paderborn und Einrichtungen in Höxter und Meschede. Die Klinik am Ostfriedhof verfügt über 30 Betten auf zwei Stationen und über zwei Elternapartments. Mit der Stadt Paderborn ist vereinbart, dass die Schule für Kranke in ein Gebäudeteil der Busdorfschule umziehen kann, so dass die ambulante Betreuung erweitert werden kann.

Kickertische durch Spenden finanziert

Zwei der vier Kickertische, die von der Firma Dspace im Rahmen einer internationalen Kundenkonferenz in München durch Spenden finanziert wurden, bleiben in Paderborn, zwei gehen nach Marsberg. Leider stehe die LWL-Klinik im Schatten der großen Paderborner Krankenhäuser und sei noch nicht so bekannt, bedauert der stellvertretende Bürgermeister, Dietrich Honervogt. Angesichts steigender Fallzahlen bei psychischen Erkrankungen werde hier eine sehr wichtige Arbeit geleistet, zumal seelische Leiden immer noch mit einem Tabu behaftet seien. Eine Depression zu behandeln, sei aber genauso wichtig, wie ein gebrochenes Bein zu versorgen, betonte Honervogt.

Am gestrigen Welttag der seelischen Gesundheit berichtete Falk Burchard, dass es die übliche Delle im Sommer diesmal nicht gegeben habe. Für den Winter befürchtet er deutlich mehr Patienten als sonst.

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