Stiko will keine generelle Empfehlung für Jugendliche ab zwölf Jahren geben

Kinder impfen oder nicht?

Düsseldorf/Berlin

Die ­Ständige Impfkommission (Stiko) macht es Eltern in der Frage, ob sie ihre Kinder impfen lassen sollen, nicht leicht.

Von Peter Kurz

Ein Kinder- und Jugendarzt impft einen Jugendlichen mit dem Corona-Impfstoff Comirnaty von Biontech/Pfizer. Die Ständige Impfkommission (Stiko) hat in der Pandemie keine generelle Impfempfehlung für gesunde Kinder und Jugendliche ab 12 Jahren ausgesprochen. Sie empfiehlt Impfungen gegen das Coronavirus aber für 12- bis 17-Jährige mit bestimmten Vorerkrankungen. Foto: dpa

Dass sie nach langer Abwägung wissenschaft­licher Erkenntnisse keine generelle Empfehlung für eine Coronaschutzimpfung für Kinder ab zwölf Jahren gibt, kann ihr angesichts der noch unzureichenden Datenlage nicht vorgeworfen werden. Die Beschränkung der Impfempfehlung auf Kinder mit Risikofaktoren (Vorerkrankungen) ist freilich kein Verbot einer solchen Impfung.

Eltern bleibt (am besten im Gespräch mit ihren Kindern) eine gründliche Abwägung des Pro und Contra nicht erspart. Weil das so ist, sollte die Impfung und die Beratung den Vertrauensärzten (Kinder- und Jugendärzten, Hausärzten) überlassen bleiben und nicht als anonyme Massenveranstaltung in Schulen oder Impfzentren stattfinden.

Die beratenden Ärzte werden sich dabei mit diesen Argumenten konfrontiert sehen:

Nutzen-Risiko-Abwägung: Junge Menschen haben bei einer Infektion meist mildere Verläufe und ein weit geringeres Risiko, schwer zu erkranken oder gar zu versterben. Daher ist die Nutzen-Risiko-Abwägung einer Impfung angesichts der dabei möglichen Nebenwirkungen anders zu bewerten als bei Erwachsenen. Zumal noch gar nicht gesagt werden kann, welche Nebenwirkungen der neuen Impfstoffe sich vielleicht erst in ein paar Jahren zeigen werden. Und mit denen müssten die Kinder dann viel mehr Lebensjahre klarkommen als Erwachsene. Gegen die Risiken der Impfung stehen die Risiken einer Covid-19-Infektion. Auch wenn diese bei Kindern oft symptomlos oder milde verläuft, so gibt es doch schwere Verläufe und Todesfälle. Auch dass Jugendliche nach einer Infektion Long-Covid-Symp­tome aufwiesen, wurde bekannt.

Vorteile: Zu den individuellen Vorteilen geimpfter Jugendlicher zählt, dass sie dann wieder frei am gesellschaftlichen Leben teilnehmen könnten. Angesichts der Folgewirkungen der Pandemie und des Lockdowns mit den insbesondere psychischen Folgen ein kaum hoch genug einzuschätzender Vorteil. Was wäre denn die Alternative: Sollen all die Vorsichtsmaßnahmen, Schulausfall, Distanzunterricht im Herbst etc. wieder von vorn los­gehen? Schafft man das noch ein weiteres Jahr?

Herdenimmunität: Ohne auch Jugendliche zu impfen, wird sich das Virus weiterverbreiten und –  schlimmer noch –  es hat viel Gelegenheit zu mutieren. Die Mutanten wiederum könnten wieder die bereits Immunisierten gefährden. Dagegen lässt sich einwenden, dass da die Jugendlichen für die Gesamtgesellschaft in die Pflicht genommen werden.

Virusausbreitung: Doch auch jeder Erwachsene, der sich impfen lässt, macht dies nicht nur für sich, sondern verhindert damit auch die weitere Ausbreitung des Virus.

Schwere Verläufe:  Das Argument gesamtgesellschaftlicher Verantwortung kann freilich auch gegen eine Impfung der Jugend­lichen sprechen. Bevor diese geimpft werden, sollten bei dem immer noch knappen Impfstoff erst mal alle gefährdeten Älteren dran sein, um schwere Verläufe zu verhindern.

Solidarität: Die Solidarität Jugendlicher wurde in der Pandemie schon genug strapaziert. Sie mussten zum Schutz vor Ansteckung Erwachsener selbst so viele Einschränkungen hinnehmen, verpassten wichtige Entwicklungsschritte. Und da sollen sie mitansehen, dass die Älteren mit ihrem Impfpass in der Hand Party machen, während sie sich weiterhin an strenge Hygieneauflagen halten sollen? Dann doch lieber impfen.

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