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Extrem-Bergsteiger Jost Kobusch aus Borgholzhausen versucht Aufstieg im Winter

Allein auf den Mount Everest

Borgholzhausen/Kathmandu (dpa). Jost Kobusch ist 27 und will erreichen, was selbst gestandene Bergsteiger etwas verrückt finden: Der Mann aus Borgholzhausen im Kreis Gütersloh will den größten Berg der Welt bei eisigen Temperaturen im Winter ohne Sauerstoffflasche ganz alleine besteigen . Warum nur?

Der 27-jährige Jost Kobusch aus Borgholzhausen will alleine – ohne Scherpas und ohne Sauerstoffflasche – den höchsten Berg der Erde besteigen, den 8848 Meter hohen Mount Everest. Foto: dpa

Als Kobusch und seine Freunde 2015 im Basislager des Mount Everests saßen, bebte plötzlich die Erde. Zunächst fanden sie das witzig, Kobusch begann mit seinem Handy zu filmen. Doch dann rollte eine Schneewand auf sie zu. „Mist“ sagten sie nur und wurden von den weißen Massen begraben. Die Lawine tötete 18 Menschen, heißt es vom zuständigen Tourismusministerium in Nepal. Sie sei durch ein Beben der Stärke 7,8 ausgelöst worden. Doch Kobusch und seine Freunde überlebten. Und der damals 22-Jährige entschied sich, sein Leben künftig anders zu leben.

Statt ein Medizinstudium zu beginnen, wollte er Bergsteiger werden und ein Leben leben, in dem er nichts bereut, wie er kürzlich in einem ausführlichen Gespräch sagte. „Alles wurde immer weißer um mich herum, und ich war mir sicher, ich würde jetzt sterben.“ Aber er sei ruhig geblieben. „Ich habe gedacht, okay, wenn du jetzt stirbst, dann ist es halt so. Es passt. Ich habe bislang die richtigen Entscheidungen getroffen im Leben.“

Die Spitzen der höchsten Berge erklommen

Inzwischen sind viereinhalb Jahre vergangen, Kobusch ist 27, und er hat es schon auf die Spitzen mehrerer hoher Berge geschafft. Mit 21 bestieg er als weltweit jüngster Kletterer allein den rund 6800 Meter hohen Ama Dablam im Himalaya, wie ein Blick in das Expeditionsarchiv „Himalayan Database“ zeigt. Mit 25 bestieg er den rund 7300 Meter hohen Nangpai Gosum II als erster Mensch überhaupt und wurde dafür für den Oscar der Bergsteiger, den Piolet d’Or, nominiert. Und vor drei Jahren erreichte er den Gipfel seines ersten Achttausenders, des 8090 Meter hohen Annapurna, wie Nepals Tourismusministerium bestätigte.

Kobusch reizen extreme Herausforderungen, von denen er zunächst nicht weiß, ob sie überhaupt möglich sind. Diesen Winter versucht er alleine, also ohne Sherpas, und ohne Sauerstoffflasche, den höchsten Berg der Erde zu besteigen – den 8848 Meter hohen Mount Everest. Das hat nach der „Himalayan Database“ noch niemand geschafft. „Die Chance, dass er den Gipfel erreicht, ist sehr klein“, sagt der US-amerikanische Bergsteiger Alan Arnette. „Was er versucht, ist extrem gefährlich, und wenn etwas schrecklich schief läuft, ist die Wahrscheinlichkeit, dass er gerettet wird, praktisch gleich null.“

Auf mehr als 8000 Meter bis zu Minus 50 Grad

Eine Besteigung im Winter ist besonders schwer, weil es auf mehr als 8000 Meter Höhe bis zu minus 50 Grad kalt wird und Winde mit bis zu 180 Kilometer die Stunde blasen, wie der deutsche Bergsteiger Ralf Dujmovits sagt. Ohne Sauerstoffflasche wird es noch schwerer, weil in großer Höhe die Luft dünner ist und man schneller atmet. So verliere der Körper rascher Wärme und arbeite langsamer. Und Unterkühlung und Erschöpfung können zur Höhenkrankheit führen. Dujmovits selbst hat schon alle 14 Achttausender bestiegen und hält Kobuschs Projekt für „Schaumschlägerei, die jeden Realitätssinn vermissen lässt“.

Kobusch ist sich der Risiken bewusst, auch weiß er, dass seine Erfolgschancen gering sind. Aber er möchte es weiter versuchen. „Ich schätze, dass ich schon so drei, vier Anläufe brauchen werde.“ Aber es nervt ihn, wenn ihn Leute lebensmüde nennen. Er möchte einfach intensiv leben, den Berg und die Wildnis allein erleben, wie er sagt. Dabei sei der Gipfel auch nur ein Bonus. So kam es für ihn nie in Frage, den Everest in der gewöhnlichen Saison im Frühling zu besteigen, wie er sagt. Dann ist der Andrang manchmal so groß, dass die Kletterer Schlange stehen müssen.

Spezielle Kleidung entwickelt

Während der vergangenen Monate hat sich Kobusch auf seine Mission vorbereitet. Mit seinem Sponsor entwickelte er Kleidung, die ihn warm halten soll. Er läuft und klettert viel in der Halle und auf Bergen – und das auch mit Freunden, wenn er nicht gerade wieder ein spezielles Projekt hat.

In den vergangenen Wochen stieg er auf mehrere kleinere Berge im Himalaya, um seinen Körper für die Everest-Mission zu gewöhnen. Gerade hat er sein Zelt im Basislager aufgestellt.

Von dort aus will der Borgholzhausener bis Ende Februar immer wieder Versuche nach oben un­ternehmen, Routen suchen. Er will jeweils einige Tage hintereinander gehen und sich dann wieder im Zelt im Basislager erholen, wo ein Koch und ein Küchenhelfer warten. Bei den Versuchen ist er aber allein. Im Rucksack trägt er dann ein leichtes Zelt, einen Schlafsack, eine Isomatte, Trockennahrung, einen Kocher, Sonnencreme, Ersatzhandschuhe und Musik für die einsame Zeit auf dem Berg.

Bei seiner Everest-Mission und seinen anderen Projekten treibt ihn auch das Gefühl der Angst an. Das mag er, wie er sagt. „Diese Angst, die setzt unglaublich viel Energie bei mir frei und viel Fokus.“ Das Klettern hatte ihm auch geholfen, Ängste zu überwinden. Als Kind fürchtete er sich davor, vom Drei-Meter-Sprungbrett zu springen. Nachdem er mit zwölf der Kletter-AG beitrat, traute er sich plötzlich. „Ich fand dieses Gefühl einfach so stark, über seine eigenen Ängste hinauszuwachsen seine Ängste zu besiegen. Das hat mich irgendwie süchtig gemacht.“

Vom Fünf-Meter-Brett ist er noch nicht gesprungen. Vielleicht schafft er es nach dem Mount Everest, wie er sagt. „Ich weiß nicht, wenn ich dann da oben stehe, habe ich bestimmt Schiss. Aber das ist ja das Spannende.“ Und dann möchte er noch viele weitere Berge besteigen – bis sein Körper irgendwann nicht mehr kann.

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