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Buchhändlerin Martina Bergmann schildert in dem autobiografischen Roman ihr »Leben mit Martha«

Demenz – und das Leben geht weiter

Borgholzhausen (WB). Facebook-Freunde der Borgholzhausener Buchhändlerin Martina Bergmann kennen sie schon länger: Dort heißt sie die »kleine Oma«. In Bergmanns Roman ist sie Martha, Mitte 80, träumend, wild, auch streitbar, eingeschränkt durch ihre Demenz, aber oft sensationell hellsichtig und schlagfertig.

Bernhard Hertlein

Martina Bergmann – hier mit »Martha« – liest aus ihrem Buch. Foto: Bernhard Hertlein

Martha heißt im wirklichen Leben natürlich anders. Auch andere Namen sind verändert, einige Orte verschleiert. Ansonsten ist Bergmanns erster Roman sehr autobiografisch. Acht Jahre ist es her, dass Arno Geiger in seinem Roman »Der alte König in seinem Exil« das Leben mit einem Dementen in eindrucksvoller Weise thematisierte. Anders als bei Geiger, der in seinem Buch auch die Vergangenheit mit dem eigenen Vater aufarbeitete, hat Martina Bergmann keine verwandtschaftliche Beziehung zu Martha. Sie ist aus einer engen Freundschaft der Autorin mit dem Wissenschaftler Heinrich, Marthas Lebensgefährten, übrig geblieben. Als er stirbt, ziehen die beiden Frauen zusammen, und Martina Bergmann wird Marthas gesetzliche Betreuerin.

»Schreiben Sie ein Buch über fröhliche alte Menschen.«

Die Autorin zitiert einen Arzt, der ihr nach einem launigen Zusammensein geraten hat: »Schreiben Sie ein Buch über fröhliche alte Menschen. Das wäre wichtig.« Mit »Mein Leben mit Martha« ist der Buchhändlerin und nun auch Schriftstellerin genau das gelungen – gerade weil sie die Probleme der Demenz nicht verschweigt. Aber sie nutzt Worte, die nicht abschrecken. Da ist Martha eben in einer »poetischen Verfassung« oder hat ein »Speicherproblem«. Sie ist eingeschränkt, auch tüdelig. »Aber ihre Fähigkeiten machen das wett«, versichert Martina Bergmann ein ums andere Mal.

Problematischer ist die Umgebung: Nachbarn, die nicht verstehen, warum sich eine junge Frau um eine alte Oma kümmert. Dabei ist sie nicht einmal mit ihr verwandt. Da sind Leute, die ihr Erbschleicherei unterstellen und jede Unzulänglichkeit und jeden falschen Schritt den Behörden melden. Die ist die Wirtin, die sich darüber aufregt, dass Martha mit der Tischdekoration spielt. Besucher der Buchhandlung, die sich von der dementen alten Frau gestört fühlen. Andererseits muss man bedenken: Martha kann mit Worten scharf schießen. Und sie schießt sofort, wenn es ihr in den Sinn kommt. Man sieht es der kleinen Oma an, ob sie jemanden mag oder nicht. Dabei gilt natürlich: Alte Menschen müssen nicht lieb sein. Und Widerborstigkeit kann auch liebenswert sein.

»Menschen mit Demenz haben keine Sorgen. Das hält jung.« Es sind Sätze wie dieser, die die Lektüre von Martina Bergmanns Roman zum Vergnügen machen. Kleine, aber nette Missverständnisse gehören ebenfalls dazu. Einer dieser »Missverständnisse« heißt eigentlich Mahmoud und ist ein Flüchtling aus Syrien. Bei Martha hingegen heißt er »Macht Mut«.

Beobachtungen und Erkenntnisse

Viele von Martina Bergmanns Beobachtungen und Erkenntnissen treffen auch auf andere Demente zu. Zum Beispiel ist Martha ständig beschäftigt – aus Sicht von Gesunden mit unwichtigen Dingen und weitgehend sinnfrei. Marthas Prioritäten sind eben anderen nicht einsichtig. »Müssen sie auch nicht«, sagt Martina Bergmann. Nur an ganz wenigen Stellen taucht in ihrem Roman auch mal dezentes Selbstmitleid auf, zum Beispiel, wenn die Autorin feststellt: »Leben mit alten Leuten ist eine verflixte Rennerei.« So schwer das Thema Demenz den Betroffenen meist im Magen liegt: Martina Bergmanns erster Roman zeigt, dass auch dieser Abschnitt im Leben vieler Menschen leichte und unterhaltsame Seiten haben kann. Gesellschaftspolitisch macht sie denen Hoffnung, die dafür plädieren, die Erkrankten möglichst lange bei sich zu behalten und nicht von Anfang an in ein Heim zu geben.

Heute kommt das Buch in den Handel. Weil die erste Auflage von 6000 Exemplaren in der Buchbranche schon so gut angekommen ist, ist die zweite bereits in Vorbereitung.

  • Martina Bergmann: Mein Leben mit Martha; Roman, 223 Seiten, Eisele-Verlag, 18 Euro
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