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Lebkuchen aus Borgholzhausen sind weltweit begehrt – Sechste Generation am Start

„Industrielle Manufaktur“

Borgholzhausen (WB). Von ehemals 30 Honigkuchenbäckern allein in Dissen (Niedersachsen) und Borgholzhausen (Kreis Gütersloh) ist nur Lebkuchen Schulze übrig geblieben. Das Familienunternehmen setzt ganz bewusst auf Klasse statt Masse, fühlt sich wohl in seiner Nische und verweigert sich konsequent dem Wachstum um jeden Preis.

Johannes Gerhards

Arne Knaust hat vor einem Jahr die Geschäftsführung von Lebkuchen Schulze übernommen. Foto:

Das ortsbildprägende Stammhaus in der Freistraße 23 in Borgholzhausen steht inzwischen unter Denkmalschutz. Derzeit wird die etwas in die Jahre gekommene Fassade restauriert, bis Anfang Dezember soll sie in neuem Glanz erstrahlen.

Seit 2018 hat mit Arne Knaust die sechste Generation den Familienbetrieb mit fast 50 Mitarbeitern übernommen. Er teilt sich die Geschäftsführung mit seinem Vater Peter und ist für die Produktion zuständig. Beim Einkauf setzt er aber gerne weiterhin auf das „Bauchgefühl von Papa“. Hier kann der richtige Zeitpunkt im wahrsten Sinne des Wortes Gold wert sein.

Onlinehandel noch ausbaufähig

Das Geschäftsmodell ruht auf zwei Säulen. Zum einen wird der weltweite Lebensmitteleinzelhandel mit Lebkuchen „Made in Pium“ – so der prägnante Spitzname von Borgholzhausen – beliefert. Auf der anderen Seite setzt man mit dem Ladenverkauf im eigenen Café, Gastronomie und Tourismus auf den regionalen Aspekt. Wanderer, Radfahrer und Reisende – vornehmlich aus den Niederlanden – gehören zum Kundenstamm. Auch wenn das Weihnachtsgeschäft bereits im Juni beginnt, hat sich der Lebkuchen zu einem Ganzjahresprodukt entwickelt.

„Der Onlinehandel ist noch ausbaufähig“, gibt Arne Knaust zu. Man sei zwar offen für neue Kommunikationsformen, lege den Schwerpunkt auf Präsenz vor Ort und die besondere Ausstrahlung. In der „industriellen Manufaktur“ spiele die Handarbeit nach wie vor eine große Rolle. „Diese Art von Kunst funktioniert nicht im Akkord“, sagt Peter Knaust.

Jede Mitarbeiterin garniert bis zu 35.000 Lebkuchenherzen pro Jahr. Ein ansprechendes Schriftbild und eine ruhige Hand sind dafür erforderlich. Neben traditionellen Herzen können andere Formen wie Tannenbäume, Enten oder Schaukelpferde in Auftrag gegeben werden. In der Läuferstadt Borgholzhausen wurden auch schon Turnschuhe und Inlineskates aus Lebkuchen produziert.

„Schnell und billig können wir nicht“

„Schnell und billig können wir nicht“, betont Senior Peter Knaust. Bei den traditionellen Rezepturen sei das Know-how der Mitarbeiter von elementarer Bedeutung, denn Enzyme reagieren beim Lagerteigverfahren bereits auf Schwankungen der Luftfeuchtigkeit.

Ein komplexes Thema ist laut Arne Knaust auch der Zwiespalt zwischen Sicherheit und Nachhaltigkeit. Die großen mit Metall ausgeschlagenen Transportkisten aus Holz erfüllen nicht mehr die heutigen hygienischen Anforderungen. Weil es ganz ohne Verpackung aber nicht geht, setzt man im Betrieb auf recyclingfähige Folie aus Polypropylen. In der Produktion entsteht kaum Abfall: Was nicht als Bruchware oder Rework genutzt werden kann, landet in der Biogasanlage.

Der Brexit sei für den Export kein Thema, sagt Arne Knaust. Beim Einkauf von Haselnüssen könne der Einfluss der Tagespolitik dagegen durchaus Konsequenzen haben. Die Türkei als größter Haselnusslieferant treibe hier schon mal die Preise künstlich in die Höhe, sagt der Juniorchef, der neben einer Ausbildung zum Industriekaufmann beim Versmolder Wurstunternehmen Reinert und der Schokoladenfabrik Weinrich in Herford seine Bachelorarbeit über Leanproduction – schlanke Produktion – geschrieben hat.

Bäckerei mit immer neuen Rezepten

„Auch in kleinen Betrieben können sich Fehler bis ins Endprodukt durchziehen“, hat der Geschäftsführer festgestellt. Für ihn stellt sich die Herausforderung, „hohe Qualität passend und frisch zum vom Markt geforderten Zeitpunkt“ bereit zu halten. Just-in-Time-Produktion ohne überflüssige Lagerhaltung und gelungene Menschenführung gehören zu seinem Aufgabengebiet, erzählt er. Ein an der Universität Osnabrück erworbener Master in Agrar- und Lebensmittelwirtschaft liefere ihm dafür die theoretische Grundlage.

Das Unternehmen wurde 1830 von Johann Heinrich Schulze gründet. Schwerpunkt ist die Lebkuchenbäckerei mit immer neuen Rezepten. 1870 fängt Carl Knaust als Geselle hier an, heiratet später mit Alma Schulze die Erbin des Familienbetriebs und legt den Grundstein für die erste Westfälische Leb- und Honigkuchenbäckerei.

Ab 1903 stellt ihr Sohn Heinrich Knaust die bis dahin noch größtenteils handwerkliche Produktion auf maschinelle Fertigung um. Karl und Heinrich Knaust verlegen 1959 die Produktion in die alte Segeltuchfabrik. Unterstützt von ihren Söhnen Jochen und Peter Knaust wird der Betrieb in den 70er Jahren zu einer Großbäckerei mit internationaler Bekanntheit ausgebaut. Nach einem verheerenden Großbrand im Mai 1997 produziert das Familienunternehmen heute unter dem Markennamen »von Ravensberg«. Arne Knaust ist seit 2018 Co-Geschäftsführer.

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