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Jan Brüggeshemke tritt im Rahmen einer turbulenten Mitgliederversammlung als Vorsitzender des Borgholzhausener Heimatvereins zurück

Riesenwirbel beim Heimatverein

Borgholzhausen

Als einen schlechter Tag für den Heimatverein und auch die Stadt Borgholzhausen ist die außerordentliche Mitgliederversammlung vor 110 Gästen bezeichnet worden. Nach vielen Kontroversen und juristischen Spitzfindigkeiten ist der bisherige Vorsitzende Jan Brüggeshemke von seinem Amt zurückgetreten. Mit Kommentar.

Von Johannes Gerhards

Der Streit um die richtige Tagesordnung wurde zum juristischen Geplänkel. Rechtsanwältin Susanne Bender (links) kontert als juristischer Beistand der übrigen Vorstandsmitglieder die Versammlungsleitung des bisherigen Vorsitzenden Jan Brüggeshemke. Bis zur nächsten regulären Jahreshauptversammlung soll dieser Vorstand den Piumer Heimatverein führen. Von links Peter Knaust, Jürgen Hellweg, Eva-Maria Eggert, Harald Schumacher, Erika Stockhecke, Carl-Heinz Beune und Lothar HenkelJan Brüggeshemke hat den Heimatverein seit 2014 als Vorsitzender geleitet. Jetzt stellte er sein Amt zur Verfügung Foto: Johannes GerhardsJohannes Gerhards

»Wir haben erlebt, dass Menschen im Schatten einer Burg sich gerne streiten«, sagt der Historiker Dr. Rolf Westheider im Anschluss an eine außerordentliche Mitgliederversammlung des Heimatvereins Borgholzhausen in Haus Hagemeyer Singenstroth und versucht damit, versöhnliche Worte zu finden. Die »interessante und ungewöhnliche Veranstaltung« sei nicht in ein Tribunal gegen den bisherigen Vorsitzenden Jan Brüggeshemke ausgeartet. Letztlich habe Corona viele Menschen voneinander entzweit. Nun müssten die richtigen Schlüsse aus der Pandemie gezogen werden, um mit der Sprachlosigkeit nicht weiter zu machen.

Zwei Welten prallen aufeinander

Bei der chaotischen und von juristischen Spitzfindigkeiten geprägten Versammlung prallen zwei Welten aufeinander, die beide für sich in Anspruch nehmen, »zum Wohle und im Interesse von Heimatverein und Borgholzhausen« zu agieren. An einer privaten Email des Vorsitzenden hatte sich ein seit November 2020 schwelender Streit mit den restlichen Vorstandsmitgliedern entzündet. Unterschiedliche Vorstellungen über die Auswirkungen weitreichender Corona-Schutzmaßnahmen ließen sich nicht mehr unter einen Hut bringen.

Weil der überwiegende Teil des Vorstandes seinen Rücktritt verkündet hatte, sah sich Jan Brüggeshemke in der Pflicht, die Amtsgeschäfte alleine weiter zu führen, um eine externe Verwaltung des Vereins zu verhindern. Die übrigen Vorstandsmitglieder werfen ihm dagegen unbotmäßiges Verhalten vor, weil er seine Stellvertreterin Eva-Maria Eggert aus dem Vereinsregister streichen ließ und die Bankvollmacht des Kassenwartes Jürgen Hellweg annullierte.

Brüggeshemke kann die von ihm vorgeschlagene Tagesordnung nicht durchsetzen

»Es ist mein tiefer Herzenswunsch und Ziel dieser Veranstaltung, wieder einen beschlussfähigen Heimatverein zu haben«, betont Jan Brüggeshemke, der als Versammlungsleiter die von ihm vorgeschlagene Tagesordnung durchboxen will. Rechtsanwältin Susanne Bender als juristischer Beistand der übrigen Vorstandsmitglieder besteht dagegen auf einer alternativen Tagesordnung, die von einem Drittel der Vereinsmitglieder unterstützt werde.

Nach diversen kontroversen Wortgefechten, die Beteiligte wahlweise als »Kindergarten«, »Affentheater« oder »Anarchie« bezeichnen, stellt Jan Brüggeshemke schließlich sein Amt zur Verfügung. Er bemängelt allerdings, dass ihm nicht die Gelegenheit gegeben werde, die aktuelle Situation im Verein darzustellen. »Die Macht geht von den Mitgliedern aus und nicht vom Vorsitzenden«, hält ihm Juristin Susanne Bender vor. »Deine Wahrheit ist nicht die einzige und alleinige Wahrheit«, lautet der Kommentar von Beisitzer Peter Knaust, der sich bisher immer um Vermittlungen zwischen den zerstrittenen Parteien bemüht hatte.

Carl-Heinz Beune ist neu gewählter Vorsitzender

Der im Anschluss mit überwältigender Mehrheit der anwesenden etwa 110 Vereinsmitglieder zum Wahlleiter bestimmte Günter Schwarz erklärt: »Heute ist ein schlechter Tag nicht nur für den Heimatverein sondern für ganz Borgholzhausen«, bevor er die Neuwahl eines Interimsvorstandes einleitet, der den Verein bis zur nächsten Jahreshauptversammlung wieder in ruhigeres Fahrwasser steuern soll. Als »Verkörperung des Piumer Heimatvereins«, wie ihn Rolf Westheider bezeichnet, soll Carl-Heinz Beune als langjähriger und jetzt neu gewählter Vorsitzender mit seinem Team den entstandenen »Scherbenhaufen beiseite räumen«. Die zu seiner Stellvertreterin bestimmte Eva-Maria Eggert bedankt sich bei Jan Brüggeshemke für die konstruktive Arbeit seit 2014 und würdigt dessen Verdienste. Jürgen Hellweg (Kassenwart), Erika Stockhecke (Schriftführerin) und die Beisitzer Peter Knaust, Lothar Henke und Harald Schumacher bilden den aktuellen Vorstand. Nach Ansicht von Rolf Westheider, der auch Vorsitzender des Kreisheimatvereins ist, handelt es sich bei dieser Wahl keineswegs um einen Triumph. Neben dem Aufrechterhalten der liberalen, weltoffenen Piumer Tradition gehöre auch das Einleiten eines Generationswechsels zu den anstehenden Aufgaben des Vorstandes. Der diesbezügliche Versuch mit Jan Brüggeshemke darf dagegen als gescheitert angesehen werden.

Der WB-Kommentar zu den Querelen beim Heimatverein

Die außerordentliche Mitgliederversammlung des Heimatvereins Borgholzhausen war zeitweise an Peinlichkeit nicht zu überbieten. Das gilt für den bisherigen Vorsitzenden Jan Brüggeshemke, der allzu beharrlich an seinem Verständnis von Versammlungsleitung festhielt, anderen ein Rederecht vorenthielt und oberlehrerhaft zum Hinsetzen aufforderte. Das gilt aber genauso für die als Rechtsbeistand vom übrigen Vorstand engagierte Rechtsanwältin Susanne Bender, die in unbeholfener Geste die Stromversorgung des Beamers kappte und so dem bisherigen Vorsitzenden eine Kommunikationsmöglichkeit wegnahm.

Der mit mehr als 350 Mitgliedern zu den bedeutendsten Piumer Vereinen gehörende Heimatverein stand kurz vor anarchistischem Gehabe. Aufregung, Vorwürfe und Diffamierungen zeugen von den internen Auseinandersetzungen, die den Traditionsverein seit November 2020 lahmlegten. Brüggeshemkes Entschuldigung für die aus einer privaten Email mit einem Link zur Querdenkerszene resultierenden Missverständnisse wirkt ebenso inszeniert, wie der Dank für seine bisherige Arbeit durch Stellvertreterin Eva-Maria Eggert, die sich einer – inzwischen eingestellten – Verleumdungsklage ausgesetzt sah.

Ob der neu gewählte Vorstand die Wogen glätten und die offensichtliche Sprachlosigkeit beenden kann, muss sich erst noch herausstellen. Mit Ruhm bekleckert hat sich wahrlich niemand, und Souveränität sieht anders aus. Ob tatsächlich Corona die Differenzen verursacht hat oder die Querelen andere Ursprünge haben, wissen nur die Beteiligten.

Johannes Gerhards

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