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Die Borgholzhausener Silvestersänger sind in diesem Jahr nur online zu hören in einer historischen Rundfunkaufnahme

„Singing for Pium“ statt „Dinner for One“

Borgholzhausen

Kurz vor dem Jahresende bekommt Bürgermeister Dirk Speckmann normalerweise immer Besuch von vier wackeren Gesellen. Die Silvester- oder Neujahrssänger müssen in diesem Jahr erstmals seit Bestehen dieser langen Tradition auf ihren obligatorischen Stadtrundgang verzichten. Als virtuellen Ersatz stellt die Stadt Borgholzhausen ein historisches Tondokument auf ihrer Webseite bereit.

Johannes Gerhards

Der traditionelle Vorabbesuch beim Bürgermeister – wie auf diesem Archivbild aus dem Jahre 2016 – fällt diesmal ebenso flach wie die gesamte Tour in der Silvesternacht, wenn die Nachfolger der Nachtwächter normalerweise mit Laterne, Horn und Hellebarde unterwegs sind. Von links Martin Majewski, Detlef Päpenmöller genannt Peppmöller, Bürgermeister Dirk Speckmann, Reiner Fröhlich, Werner Spill.

Eingeleitet von einem 25 Jahre alten Radio-Interview mit Carl-Heinz Beune, der sich um die Geschichte und den Erhalt des Silvestersingens besonders verdient gemacht hat, ist eine Radioreportage vom Jahreswechsel 1937/38 zu hören. Stadtarchivar Dr. Rolf Westheider erläutert als kommentierender Moderator die geschichtlichen Zusammenhänge in dem von Arne Seelhöfer produzierten Podcast.

Die Berichterstattung aus dem »kleinen Städtchen im nördlichen Westfalen« namens Borgholzhausen hat aus heutiger Sicht einen hohen Unterhaltungswert. Weil der bekannte Sport- und Zeitfunkjournalist Dr. Bernhard Ernst (1899-1957) als Sprecher und die Befragten oft aneinander vorbei reden, entwickeln sich Szenen unfreiwilliger Komik. So kann selbst Vater Benne, eine Ikone unter den Silvestersängern, nicht genau sagen, seit wann die vom Nachtwächtertum übernommene Tradition des Neujahrssingens besteht.

»Ich glaub‘, wir schütten uns erst noch mal einen Steinhäger ein, und Frau Wirtin, bringen Sie uns auch noch ein paar Zigarren!« Mit dieser Szene beginnt die 30-minütige Reportage des damaligen »Reichssenders Köln«, einem Vorläufer des Westdeutschen Rundfunks. Das Medium war seinerzeit sehr populär - Josef Goebbels hatte das früh erkannt und den seit 1933 personell und organisatorisch gleichgeschalteten Rundfunk dem »Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda« unterstellt.

In der vorliegenden Reportage ist laut Rolf Westheider dagegen »nichts Ideologisches von der Art eines typisch deutschen Volkstumsbrauchs rauszuhören«. Es handele sich eher um eine romantische Verklärung, wie schön es doch sei, dass »in unserer schnelllebigen Zeit« der gute alte Nachtwächter fortlebe. Vor allem nach den das Jahr 1938 einläutenden Mitternachtsglocken wird etwas rührselig von der stillen und innigen Einsamkeit einer kleinen westfälischen Stadt gesprochen.

Die Ursprünge der Silvestersänger reichen bis zu den Nachtwächtern zurück, die erstmals 1826 schriftlich erwähnt wurden. Nach der Elektrifizierung Borgholzhausens im Jahre 1914 kam sieben Jahre später aus »Sparsamkeits-Rücksichten« das Aus für das Nachtwächterwesen. Nur dem tatkräftigen Einsatz von »Vater Benne« ist es zu verdanken, dass diese Tradition fortlebt, schreibt Carl-Heinz Beune in der Festschrift anlässlich des 275-jährigen Stadtrechtsjubiläums von Borgholzhausen.

Während die Piumer Silvestersänger 2006 sogar ein eigenes Denkmal neben dem Heimatmuseum erhielten, wurde der Brauch in anderen Kommunen verboten, »weil die Gewohnheit, mit dem Gesang Schnaps zu erheischen, in Grölerei und übermäßige Sauferei ausgeartet war«, berichtet Rolf Westheider. Nicht so in Pium: die aktuellen Silvestersänger genehmigen sich erst im Anschluss an ihre 16 Kilometer lange Runde weit nach Mitternacht ihr erstes Bierchen, so versichert es deren dienstältester Vertreter Reiner Fröhlich, der seit 2000 dabei ist.

Das Tondokument ist vom 30. Dezember an ab Mitternacht unter folgendem Link abrufbar: https://www.borgholzhausen.de/sv_borgholzhausen/Leben/Stadtgeschichte/

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