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Politologe Ingo Espenschied beleuchtet im Vortrag die europäische Einigung

EU-Höhenflüge und Abstürze

Halle

„Europa ist kein fertiges Konstrukt, sondern ein Prozess mit viel Luft nach oben.“ Das sagt der renommierte Politologe Ingo Espenschied, der in Halle die Geschichte der europäischen Einigung beleuchtet hat.

Von Johannes Gerhards

Als »lehrreichen Abend« und »interessanten Einblick in die Geschichte« bezeichnen Gastgeber und Sponsoren den multimedialen Vortrag über 70 Jahre Europa. Von links Bürgermeister Thomas Tappe, Politologe Ingo Espenschied, Daniel Kreuzburg, Henning Bauer (beide Vorstände Kreissparkasse Halle) und VHS-Leiter Stefan Kuntze. Foto: Gerhards

Eine Katastrophe wäre es in den Augen von Ingo Espenschied gewesen, wenn Marine Le Pen die französischen Präsidentschaftswahlen gewonnen hätte. „Deutschland und Frankreich sind das Rückgrat von Europa, wenn einer ausfällt, bricht viel zusammen“, sagt der renommierte Politologe, der in Mainz, Paris und London studiert hat.

"Eine fast schon kitischige Erfolgsgeschichte"

In einem bemerkenswerten Multivisionsvortrag über 70 Jahre Europa beleuchtet er eine „einzigartige, fast schon kitschige“ Erfolgsgeschichte, angefangen bei Karl dem Großen über die 1924 von Nikolaus Coudenhove-Kalergi gegründete Paneuropa-Union und den Schuman-Plan nach dem zweiten Weltkrieg bis zur Gegenwart, in der sich angesichts des russischen Angriffskrieges eine neue Einigkeit der inzwischen 27 zusammengeschlossenen Staaten zu bilden scheint.

„Für meinen Opa war Frankreich noch der Erbfeind“, berichtet Espenschied. Umso bemerkenswerter sei 1950 die Vision des französischen Außenministers Robert Schuman gewesen, der zusammen mit Jean Monnet als Gründervater der Europäischen Union gilt. Aus der anfänglichen Gemeinschaft für Kohle und Stahl wurde zunächst die Montan-Union, daneben gab es die Euratom und die europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit den sechs Gründungsstaaten Deutschland, Frankreich, Italien und den Benelux-Ländern.

Scheitern der Verteidigungsgemeinschaft war ein erster Rückschlag

Als ersten Rückschlag bezeichnet Espenschied das Scheitern einer gemeinsamen Verteidigungsgemeinschaft, deren Folgen bis in die Gegenwart reichen. 1973 traten England, Irland und Dänemark dem Bündnis bei, 1981 folgten Griechenland und 1986 Spanien und Portugal, bevor sich nach der Wiedervereinigung Deutschlands auch osteuropäische Staaten EU und Binnenmarkt anschlossen.

„Europa ist kein fertiges Konstrukt, sondern ein Prozess mit viel Luft nach oben“, betont Ingo Espenschied und verweist darauf, dass Deutschland nach der Osterweiterung nicht mehr am Rand, sondern im Zentrum von Europa liegt. Demzufolge sei strategisches Denken erforderlich, zumal inzwischen sämtliche relevante Themen globale Bedeutung hätten. Angesichts der Tatsache, dass die Deutschen lediglich rund ein Prozent der Weltbevölkerung ausmachen, wäre es laut Ingo Espenschied „politischer und ökonomischer Selbstmord“, auf die nationalstaatliche Karte zu setzen.

"Offene Grenzen bedeuten Austausch der Gedanken."

„Offene Grenzen bedeuten Austausch der Gedanken, das hält uns jung und modern im Kopf“, behauptet der Politologe. Er empfiehlt allerdings auch, das unbeweglich machende Prinzip der Einstimmigkeit durch Mehrheitsrecht zu ersetzen. Außerdem müssten die Mitgliedsstaaten konsequenter eigene Kompetenzen an die übergeordneten Institutionen abgeben.

„Europa ist eine Struktur, die es noch nie gegeben hat, etwas völlig Neues“, sagt Espenschied zum Abschluss seines informativen Vortrags, der mehr als die zwanzig Zuhörer verdient hätte, die auf Einladung der Volkshochschule Ravensberg im Forum des Schulzentrums Masch seinen Ausführungen folgten.

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