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Prozess um mutmaßliche Vergewaltigungen in Gütersloher Krankenhaus

„Frauen haben nicht geträumt“

Gütersloh

Bilden sich die Patientinnen, die im Gütersloher Sankt-Elisabeth-Hospital von einem Arzt missbraucht worden sein sollen, das alles nur ein?

Von Christian Althoff

Verteidigerin Anne Patsch mit dem angeklagten Anästhesisten Nils T. (43) aus Oelde, Foto: Althoff

Im Strafprozess gegen den Anästhesisten Nils T. (43) versucht die Verteidigung, die Schilderungen der vier mutmaßlichen Opfer als sexuelle Träume darzustellen. Sie sollen auf Nachwirkungen von Beruhigungsmitteln zurückzuführen sein. Doch ein Gutachter erklärte am Montag vor dem Landgericht Bielefeld, es gebe keinerlei wissenschaftliche Grundlage für eine solche Annahme.

Beruhigende und schlaffördernde Medikamente wie Propofol und Midazolam können Träume auslösen – auch solche mit sexuellen Inhalten. Unklar ist jedoch, wie häufig so etwas geschieht. „Weltweit gibt es dazu keine qualifizierten Studien“, erklärte der Düsseldorfer Anästhesist Dr. Bernd Mainzer (64), den das Gericht mit der Klärung der Frage beauftragt hatte. Das liege auch daran, dass die Nebenwirkung offenbar sehr selten sei und man unter Umständen 100.000 Patienten für eine Studie brauche, um zu verlässlichen Aussagen zu kommen. Bei den meisten wissenschaftlichen Veröffentlichungen, die es zu diesem Thema gebe, sei die Methodik seiner Einschätzung nach fragwürdig, sagte Dr. Mainzer. „So schreibt ein Autor von solchen Träumen bei jeder vierten Operation, ein anderer sieht solche Träume nur bei jedem 100.000. Patienten.“

Laut der Medikamenteninformation zu Midazolam, das alle Frauen im Sankt-Elisabeth-Hospital bekommen hätten, träten sexuelle Träume „selten“ auf, sagte der Gutachter. „Und das bedeutet eine Wahrscheinlichkeit, die zwischen 1:1000 und 1:10.000 liegt.“ Überprüfen könne er diese Zahlen nicht, weil er die Zulassungsunterlagen für das Mittel nicht kenne. „Allerdings baut sich Midazolam auch schnell wieder ab“, erklärte der Experte. Mit einer Ausnahme hätten die mutmaßlichen Missbrauchstaten mit einem so großen Abstand zur OP stattgefunden, dass die Restdosis im Körper nicht ausgereicht haben dürfe, um Träume auszulösen. Und: Statistisch lasse sich die angebliche Häufung der Träume von Patientinnen dieses einen Krankenhauses nicht erklären, sagte der Gutachter.

Der angeklagte Anästhesist Nils T., der unter anderem durch DNA-Spuren einer Patientin in seiner Unterhose belastet wird, bestreitet weiterhin die Vorwürfe der Anklage.

Eigentlich sollten am morgigen Mittwoch die Plädoyers gehalten werden, doch Verteidigerin Anne Patsch beantragte am Montag überraschend, zwei „Obergutachten“ einzuholen. Sie erhofft sich damit, vor allem das DNA-Gutachten des Landeskriminalamts erschüttern zu können, das ihren Mandanten erheblich belastet. Ob das Gericht dem Antrag der Strafverteidigerin stattgibt, will das Gericht am Freitag verkünden.

Die Staatsanwältin und die Anwältinnen der mutmaßlichen Opfer sind dagegen von der Täterschaft des Angeklagten überzeugt. So haben zwei Anwältinnen in der vergangenen Woche einen sogenannten Adhäsionsantrag gestellt. Damit besteht die Möglichkeit, dass ein Gericht in einem Strafverfahren nicht nur eine Strafe verhängt, sondern den Angeklagten auch zu Schmerzensgeld und Schadensersatz verurteilt und Opfern so einen Zivilprozess erspart. Rechtsanwältin Stefanie Höke forderte für ihre Mandantin „mindestens 10.000 Euro“. Und Anwältin Elena Andersen beantragte für eine Patientin, die zweimal von dem Arzt vergewaltigt worden sein soll, 35.000 Euro Schmerzensgeld.

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