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Gütersloh: Wirkstoffmangel und Medikamenten-Export schränken Versorgung ein

Apotheker monieren Ibuprofen-Engpässe

Gütersloh (WB). Ausgerechnet Ibuprofen. Das von Notärzten und in Haushalten meist eingesetzte Schmerzmittel war in der 600-Milligramm-Dosierung, 50er-Packungsgröße, in der vergangenen Woche in vielen Gütersloher Apotheken nicht mehr aufzutreiben.

Stephan Rechlin

Bei gut 60 Medikamenten haben Gütersloher Apotheker in der vergangenen Woche in leere Regalschubladen geschaut. Falls ein Medikament nicht mehr zu bekommen ist, müssen sie nach Ersatzpräparaten oder anderen Packungsgrößen suchen. Foto: Stephan Rechlin

Ibuprofen ist eines von 60 Medikamenten auf einer Liste schwer verfügbarer Arzneimittel. Ferner zählten das oft von Kinderärzten verschriebene Breitbandantibiotikum Amoxicillin dazu, das bei akuten Gichtanfällen verordnete Etoricoxib und das Antidepressivum Opipramol. Als Gründe führt die Apothekerkammer Westfalen-Lippe unter anderem Lieferengpässe bei Wirkstoffherstellern im Ausland an.

Davon gibt es im Fall Ibuprofen nur acht: Xinhua Pharmaceutical, Granulat Biocause und Hisoar aus China, Shasun und IOLCP in Indien, Xinhua-Perrigo Pharmaceutical mit Produktionsstätten in USA und China, die SI Group aus den USA. Die deutsche BASF betreibt in Texas ebenfalls eine Produktionsstätte – doch die ist seit Anfang Juni außer Betrieb.

Ein weiterer Grund dürfte jedoch auch der Verkauf solcher Medikamente ins Ausland sein. Einem Gütersloher Apotheker etwa ist die Abnahme des Dranginkontinenz-Mittels Vesikur mit Aufschlägen zwischen 55 und 77,5 Prozent auf den Einkaufspreis angeboten worden. Der Regelaufschlag liege je nach Packungsgröße zwischen 20 und 30 Prozent.

73 Prozent Aufschlag

Beispiel: die 90-Stück-Packung Vesikur, zehn Milligramm. Im Einkauf zahlt der Apotheker dafür 59,80 Euro. In seiner Apotheke würde er sie für 68,44 Euro (ohne Steuern und Kassenrabatt) los. Wenn der Apotheker dem Pharmahändler davon 50 Packungen besorgt, würde er 103,45 Euro bekommen. Der großzügige Pharmahändler wiederum würde das Mittel zu einem noch höheren Preis im Ausland verkaufen – vor allem Großbritannien gilt derzeit als Hochpreisland im Arzneihandel.

Dem Gütersloher Apotheker sind die Konsequenzen bewusst: »Ich kann die Packung nur einmal verkaufen. Ist sie weg, muss ich für meinen Kunden ein Ersatzpräparat mit gleichen oder ähnlichen Substanzen finden.« Bei Organtransplantionen oder Chemotherapien würden jedoch ganz spezielle Medikamente benötigt, die nicht ohne weiteres zu ersetzen seien: »Dann wird es dramatisch.«

Deutschland ist Referenzmarkt

Der Apothekerkammer sind solche Parallelgeschäfte bekannt. Allerdings könne sie nicht einschreiten. Import und Export von Arzneimitteln seien in der EU legal, das Bundesgesundheitsministerium sehe keinen Anlass, dagegen einzuschreiten.

Sebastian Sokolowski von der Apothekerkammer Westfalen-Lippe: »Der deutsche Markt ist zum europäischen Referenzmarkt geworden.« Die Preise hier seien der Maßstab für den gesamten Arzneimittelhandel in der EU. Inzwischen gebe es viele Länder, die über diesem Maßstab liegen würden.

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