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Leonie Müller erzählt im Theater Gütersloh, wie sie im Zug gelebt hat

Bahncard statt Miete

Gütersloh (WB). 2015 kündigt Leonie Müller nach einem Streit mit ihrer Vermieterin ihre Wohnung in Stuttgart und zieht aufs Gleis. Die heute 26-Jährige hatte eineinhalb Jahre keinen festen Wohnsitz und hat über ihre Zeit als »Bahnnomadin« das Buch »Tausche Wohnung gegen Bahncard« geschrieben.

Dunja Delker

Warum Miete zahlen? Leonie Müller hat sich lieber eine Bahncard 100 für knapp 4000 Euro zugelegt. Foto: Dunja Delker

Donnerstag kam sie zu einer Lesung nach Gütersloh – mit dem Zug natürlich. Etwa 150 »Mitfahrer« waren auf Einladung des Theatervereins Gütersloh in die Skylobby des Theaters gekommen. Wer dachte, dass er hier auf eine Frau im Landstreicher-Look treffen würde, wurde eines Besseren gelehrt: Leonie Müller ist gut gepflegt, sympathisch, intelligent. Im modischen Blouson, mit Rock und Stiefeln erzählt sie, dass sie nur wenige Nächte im Zug verbracht hat. Nicht nur, weil in Deutschland in der Regel keine Nachtzüge mehr fahren.

Gut 4000 Euro hat die Bahncard gekostet

Leonie Müller, die in Bielefeld aufgewachsen ist und ihr Abitur gemacht hat, »lebt« zwar im Zug. Ihre Ziele sind aber immer dort, wo auch ihre Freunde sind. Bei ihnen verbringt sie die Zeit zwischen den Zügen. »Eine Bahncard 100 kostet gut 4000 Euro, für Miete geben wir deutlich mehr aus«, rechnet die Studentin der Medien-, Sozial- und Kommunikationswissenschaften vor.

Gerade einmal einen 30-Liter-Rucksack, ihren Laptop und Kopfhörer hat sie immer dabei. »Meine Lieblingsfarbe ist Dunkelblau, das lässt sich super kombinieren«, sagt die junge Frau, deren Hab und Gut auf ein Minimum reduziert in ganz Deutschland verteilt ist, vor allem aber bei Oma in Bielefeld und Mama in Berlin lagert.

Im ICE sogar schon Haare gewaschen

Moderator Philipp Fleiter interessieren vor allem die praktischen Fragen: »Ist es dir nicht auch unangenehm, im Zug aufs Klo zu gehen?«, »Ja, ich versuche es zu vermeiden. Aber ich habe mir sogar schon im ICE die Haare gewaschen. Wer wie ich schon in Indien Zug gefahren ist, weiß die Deutsche Bahn zu schätzen.« Ohnehin sei die Bahn gar nicht so schlecht, wie immer behauptet wird. Angesichts der vielen Zeit, die sie im Zug verbringe, relativiere sich vieles.

Medien aus mehr als 50 Ländern haben über Leonie Müller und ihren Lebensstil berichtet. »Vor allem die Briten gucken neidisch auf die Deutsche Bahn«, sagt sie. Nur mit grölenden Fußballfans und betrunkenen Junggesellen werde sie wohl nie ihren Frieden machen, sagt die Fensterplatz-Liebhaberin, die sich selbst als Rebellin bezeichnet.

Und wo sieht sich Leonie Müller in 20 Jahren? Das wolle sie selbst nicht wissen, sagt die 26-Jährige, die gerade (im Zug) ihre Masterarbeit schreibt und in Bochum einen festen Freund hat. Ihr sei es wichtig, flexibel zu bleiben – sei es als Festangestellte oder als Selbstständige. Ihre 97 Jahre alte Oma in Bielefeld mindestens einmal in der Woche zu besuchen, das liege ihr sehr am Herzen.

Derzeit schreibt Leonie Müller Bewerbungen, unter anderem als Mitarbeiterin in der Unternehmenskommunikation – bei der Deutschen Bahn.

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