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Gütersloh

Biografie über Reinhard Mohn erscheint

Gütersloh (din)

Reinhard Mohn baute den Gütersloher Bertelsmann-Konzern zu dem um, was er heute ist. Am Montag erscheint eine Biografie über ihn.

Am 8. November 1990 beim Richtfest für die neuen Pavillons der Bertelsmann Stiftung. Im Juni 1991 bezog die Stiftung, die bis dahin in der Innenstadt ansässig war, den Neubau.

Reinhard Mohn, der eigentlich Ingenieur werden will und weder eine fundierte Ausbildung noch ein Studium vorweisen kann, übernimmt nach und nach die Verlagsgeschäfte. Seine Ansprache noch im Soldatenmantel beim Richtfest für das neue Verlagsgebäude an der Gütersloher Eickhoffstraße am 25. November 1947 gilt in der Firmenhistorie als symbolischer Gründungsakt nach dem Krieg.

Eine offizielle und autorisierte Biografie hat Reinhard Mohn stets abgelehnt. Das auch mit der Begründung, er wolle sich kein Denkmal setzen. Eitelkeit bei seinen Managern war ihm verhasst. Anlässlich seines 100. Geburtstags am 21. Juni erscheint nun doch eine Biografie des 2009 gestorbenen Unternehmers, Stifters und Gütersloher Ehrenbürgers.

Historiker schreibt Biografie

Wer war Reinhard Mohn? Was hat ihn angetrieben? Wie wurde aus ihm ein Jahrhundertunternehmer, wie es im Buchtitel heißt? Diesen Fragen geht der Bonner Historiker Joachim Scholtyseck auf den Grund. Er hat schon Unternehmer wie die Quandts und Otto Beisheim (Metro) porträtiert. Für das Mohn-Buch erhielt der Autor Zugang zu den Archiven des Bertelsmann-Konzerns und der Stiftung. Bei der Lektüre lernt man einiges darüber, wie der Gütersloher Medien- und Dienstleistungskonzern gewachsen ist und wie er noch heute tickt. 

Kindheit in einer protestantischen Verlegerfamilie, Abitur am Evangelisch Stiftischen Gymnasium in Gütersloh, Reichsarbeitsdienst, und am 1. Oktober 1939 meldet sich der 18-Jährige freiwillig zur Wehrmacht – „aus Pflichtgefühl“, wie er später sagte. Da war sein ältester Bruder Hans Heinrich bereits in Polen gefallen. 1943 wird er in der Nähe von Tunis schwer verwundet, gerät in amerikanische Kriegsgefangenschaft. Erst Anfang 1946 kehrt er nach Gütersloh zurück. Dass Reinhard Mohn das Erbe des gesundheitlich angeschlagenen und durch seine Nähe zu den Nationalsozialisten kompromittierten Vaters Heinrich antritt, ist nicht geplant. Sein zweitältester Bruder Sigbert gilt in sowjetischer Kriegsgefangenschaft als verschollen und kehrt erst im April 1949 an die Dalke zurück. 

Mohn bringt sich vieles selbst bei

Tipp: Auf dem „Blauen Sofa“ spricht Bertelsmann-Chef Dr. Thomas Rabe mit dem Historiker Professor Joachim Scholtyseck am Mittwoch, 9. Juni, ab 19 Uhr über dessen Mohn-Buch. Die Diskussion wird live aus dem Gütersloher Theater ins Internet übertragen. Moderiert wird das Gespräch, das corona-bedingt ohne Publikum stattfindet, von der Bestsellerautorin Amelie Fried. Ziel ist es laut Ankündigung, die Lebensleistung und Persönlichkeit Reinhard Mohns sichtbar zu machen und eine Brücke zum heutigen Weltkonzern zu schlagen. Das Gespräch lässt sich auf www.die-glocke.de verfolgen.

Als Autodidakt beschäftigt sich Reinhard Mohn zeitlebens mit dem Thema Unternehmensführung. Getrieben von der Erkenntnis, dass ein Familienunternehmer nicht alles überschauen und regeln kann, setzt Mohn konsequent auf die Delegation von Verantwortung und partnerschaftliche Führung. Mohn bindet das Management, die Mitarbeiter und die Betriebsräte an das Unternehmen. Vorläufer der 1970 eingeführten Gewinnbeteiligung reichen bis in die 50er-Jahre zurück. Gewerkschaften und Mitbestimmung hingegen bleiben Mohn zeitlebens suspekt. 

Letzter Eingriff ins Management 

Lesering, Schallplattenring, Ariola, Ufa, die Übernahme des Zeitschriften-Verlags Gruner+Jahr, Auseinandersetzungen mit dem „Stern“, die gescheiterte Übernahme des Springer-Verlags, die von Mohn betriebene Internationalisierung: Das Mohn-Buch spiegelt das Wachstum des Konzerns unter seiner Regie wider.

Mit 60 legt Reinhard Mohn den Vorstandsvorsitz nieder, mit 70 auch den Aufsichtsratsvorsitz. Getrieben von der Erkenntnis, dass die Geschicke eines Konzerns nicht von einem Familienunternehmer abhängen können. Nur 2002 greift er noch einmal durch, als er im Juli dem Vorstandsvorsitzenden Dr. Thomas Middelhoff den Stuhl vor die Tür stellt. Middelhoff, bis dato als Wunderkind gefeiert, soll daran gearbeitet haben, Bertelsmann auf einen Börsengang vorzubereiten, um seine Wachstumsstrategie zu finanzieren. „Mohn fürchtete zunehmend um die Unabhängigkeit von Bertelsmann und verlor letztlich das Vertrauen in seinen Vorstandsvorsitzenden“, schreibt Scholtyseck. „Es war das letzte Mal, dass Mohn direkt ins Management eingriff.“ 

Viele private Bilder finden sich wieder

Die Sorgen um die Kontinuität und die Finanzierung des Konzerns spielen auch eine Rolle, als Mohn 1977 die Bertelsmann Stiftung gründet. So habe man einen Kapitalschnitt durch die Erbschaftsteuer und eine Zersplitterung vermeiden können. Mit der Stiftung kommt dann auch Gütersloh wieder ins Spiel, wo sie auf Veranlassung Mohns den Aufbau der Bibliothek, das Stiftische Gymnasium, die Bürgerstiftung und einen Kindergarten unterstützt. Mohn bleibt seiner Heimatstadt stets verbunden. 

Die reich bebilderte Biografie enthält private Fotos und Aufzeichnungen Mohns. Die private Seite des Patriarchen, seine Familie, schimmert nur sporadisch durch, wenn es etwa um die Rolle der Familie im Konzern geht. Ansonsten wird sie nicht thematisiert. Joachim Scholtyseck zeichnet vielmehr das Bild eines pflichtbewussten, verantwortungsvollen, disziplinierten, asketischen, pragmatischen, sendungsbewussten und manchmal widersprüchlichen Unternehmers. 

Joachim Scholtyseck: Reinhard Mohn – Ein Jahrhundertunternehmer, C. Bertelsmann Verlag, München 2021, 224 Seiten, 25 Euro.

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