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Abteilung »Jugendhilfe im Strafverfahren«: pro Jahr fünf bis sechs Intensivtäter

Bis zur Haft muss es nicht kommen

Gütersloh(WB). Ein 16-Jähriger wird tagsüber auf der Eickhoffstraße spektakulär von der Polizei festgenommen. Ein 14-Jähriger fällt innerhalb weniger Stunden gleich zwei Mal auf: Morgens soll er eine Tankstelle überfallen haben, wenig später wird er beim Diebstahl erwischt: Was ist denn bloß mit unseren Kindern und Jugendlichen los?

Carsten Borgmeier

Juni 2017: Ein damals 16 Jahre junger Intensivtäter wird auf der Eickhoffstraße festgenommen. Gegen ihn laufen mehrere Strafverfahren. Foto: Carsten Borgmeier

Wenn sich bei Gütersloher Mädchen und Jungen eine kriminelle Karriere abzuzeichnen droht, wenn Eltern nicht vorhanden oder mit der Erziehung offensichtlich überfordert sind, dann klingeln im städtischen Fachbereich Familie und Soziales die Alarmglocken.

Pro Jahr fünf bis sechs »schwerere« Fälle

Es melden sich Staatsanwaltschaft oder Schule und bitten darum, dass sich Kerstin Langen (36) und Christian Martin (47) aus der Abteilung Jugendhilfe die jungen und auch ganz jungen, zum Teil noch strafunmündigen Klienten doch mal genauer ansehen sollen.

»Wir sind da, um zu helfen«, betont Fachbereichsleiter Andreas Reinhold (48) mit Blick darauf, Inobhutnahmen, Strafverfahren, Haft oder Arrest abzuwenden.

Blick in die Kriminalstatistik der Gütersloher Polizei

Beim Blick in die im Internet (www.guetersloh.polizei.nrw) einsehbare Kriminalstatistik der Kreispolizeibehörde Gütersloh wird deutlich, dass gegenüber den Vorjahren deutlich mehr Tatverdächtige in den Kategorien Kinder (bis 14 Jahre), Jugendliche (14 bis 18 Jahre) und Heranwachsende erfasst werden.

Tauchen demnach im Jahr 2014 in der Statistik 190 tatverdächtige, aber strafunmündige Kinder auf, sind es 205 drei Jahre später, in der jüngsten Erfassung 2018 werden 223 Kinder genannt.

Steigende Tendenz ebenfalls bei den Jugendlichen: 2014 werden dort 726 tatverdächtige Mädchen und Jungen genannt, 2018 sind es 741.

Ein Plus auch bei den Heranwachsenden: Vor fünf Jahren sind dort für das Kreisgebiet 710 Tatverdächtige erfasst, 2018 sind es 771.

»Zuerst einmal schauen wir uns genau an, was dem Kind, Jugendlichen oder Heranwachsenden vorgeworfen wird«, berichtet Mitarbeiter Christian Martin. Handele es sich um das sogenannte »Abziehen« auf dem Schulhof, also um den Diebstahl des Handys eines Mitschülers oder gehe es schon um gravierende Straftaten wie beispielsweise Körperverletzung oder Raub? Der nächste Schritt sei dann, das Gespräch mit dem Betroffenen und dessen Erziehungsberechtigten zu suchen, erläutert Kerstin Langen. »Alles, was wir von der Jugendhilfe anbieten, ist freiwillig«, ergänzt Kollege Martin. So könne es im Einzelfall schon mal Monate dauern, bis die jungen Tatverdächtigen mit ihren Eltern zum Gespräch im Rathaus erscheinen.

Pro Jahr kümmere sich die Abteilung Jugendhilfe im Strafverfahren um gut 700 bis 800 Vorgänge, sagt Reinhold. Darunter gebe es auch stets fünf bis sechs Jugendliche, die mit fünf oder mehr Ermittlungsverfahren im Jahr als sogenannte Intensivtäter bezeichnet werden könnten. Diese Zahl sei relativ konstant, so Reinhold.

»Wir versuchen, eine Beziehung aufzubauen. Viele Betroffene erreichen wir«, so Martin, »aber eben längst nicht jeden«, sagt der 47-Jährige und fügt an, jene jungen Klienten dann oftmals erst im Gerichtssaal oder in der Strafanstalt wiederzusehen. »Doch soweit muss es nicht kommen. Darum werben wir mit ganz viel Geduld um Einsicht bei den jungen Übeltätern«, betont Reinhold.

Doch sind Kinder und Jugendliche heutzutage gewalttätiger und -bereiter als früher? Reinhold und seine beiden Fachleute verneinen das, sagen aber auch: »Früher ist man eher mit Fäusten aufeinander losgegangen«, so Christian Martin, »die aktuellen, bundesweiten Messerstechereien haben schon eine andere Qualität«, seien in Gütersloh aber die Ausnahme.

Ein bedeutender Aspekt in der Diskussion um Jugendkriminalität sei allerdings die veränderte öffentliche Wahrnehmung, so Andreas Reinhold. Früher seien wegen fehlender Kommunikationswege wie beispielsweise Facebook viele Fälle der breiten Öffentlichkeit gar nicht erst bekannt geworden, so der 48-Jährige. Auch sei die Bereitschaft, Strafanzeige zu erstatten, heute größer als damals.

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