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IS-Terror im Irak: Zum Jahrestag erklärt ein Scheich die Religion der Jesiden

Das vertriebene Volk

Gütersloh  (WB). Durch den Terrorakt sind mehr als 6400 Frauen und Mädchen versklavt und deren Männer und Väter ermordet worden, nachdem Truppen des Islamischen Staates am 3. August 2014 in das Sindschar-Gebiet einmarschierten. Der Verfolgung der Jesiden im Irak ist bereits fünf Jahre her, und seitdem haben sich viele von ihnen im Kreis Gütersloh angesiedelt.

Media Mamo

Nach dem Terrorakt des IS demonstrieren Jesiden im August 2014 in Bielefeld. Viele Jesiden sind anschließend geflüchtet und auch im Kreis Gütersloh heimisch geworden. Ihre Religion ist etwa 5000 Jahre alt. Foto: Hans-Werner Büscher

»Dabei wissen viele immer noch nicht, wer die Jesiden sind«, sagt der 55-jährige Scheich Ibrahim Atallh Ibrahim, der jesidischen Kindern ihren Glauben erklärt. Viele Geflüchtete hätten sich nun eingelebt, wobei die Anzahl der im Kreis lebenden Jesiden nicht bekannt sei. Mit besonderer Motivation gingen die oftmals traumatisierten Kinder hier zur Schule, weil für sie eine gute Bildung wichtig sei. »Durch Bildung können wir anderen Menschen helfen, zum Beispiel als Arzt oder Politiker.«, erklärt der Scheich.

Integration wird erschwert

Weil die Jesiden aber oft unter sich bleiben, erschwert es die Integration. »Man gilt nur als Jeside, wenn auch beide Eltern als Jesiden geboren worden sind, weshalb eine Heirat mit jemandem aus einer anderen Glaubensgemeinschaft untersagt ist«, erklärt Scheich Ibrahim. So würden sie sich oft distanzieren, damit ihr Glauben erhalten bleibe. Die jesidischen Kinder und Jugendliche im Kreis Gütersloh seien dennoch immer bei Ausflügen mit der Schule dabei und dürften ebenso Sportvereine besuchen. Die Eltern erlaubten solche Aktivitäten trotz ihrer Sorgen. Ihre Toleranz zu anderen Religionen zeige sich in diesem Spruch: »Gott soll erst die 74 anderen Völker schützen, bevor er uns beschützt.«

5000 Jahre alte Religion besitzt keine Schriften

Die kurdisch sprechenden Jesiden sind eine religiöse Minderheit, die an einen Gott glauben. »Sie haben sich hauptsächlich in Nordsyrien und im Norden des Iraks angesiedelt und sind dort mit 74 Auslöschungsversuchen konfrontiert worden.«, sagt Ibrahim. Ihre etwa 5000 Jahre alte Religion besitzt keine Schriften, wie die Bibel oder der Koran, und basiert deshalb auf mündliche Überlieferungen. Die Jesiden glauben an den Frieden und tolerieren keine Form von Gewalt. »Weil die Natur, die Tiere und die Menschen von Gott gemacht sind, hat alles den gleichen Wert. Menschen dürfen sich somit nicht über die Tiere und die Natur stellen oder ihnen Schaden zufügen«, sagt Scheich Ibrahim. Genauso existiere bei den Jesiden eine Gleichstellung von Männern und Frauen, weshalb beide arbeiten und für den Haushalt zuständig sein dürfen. »Die Gleichberechtigung sieht man an den jesidischen Parteien oder Konferenzen, wo sowohl Männer als auch Frauen vertreten sind«, berichtet der Scheich. Zwischen einzelnen jesidischen Familien gibt es hierbei große Unterschiede. Während die einen noch an den traditionellen patriarchalischen Strukturen hängen bleiben, schätzen andere Jesiden die Gleichberechtigung.

Kastensystem im Jesidentum

Das Jesidentum organisiert sich durch ein Kastensystem. Die einfachste Unterteilung ist zwischen den Laien, den Priestern und den Scheichs. Die Kaste der Laien bildet den Großteil der Jesiden, die von den Scheichs und den Priestern gelehrt werden. »Mit ihrer geistlichen Funktion ist es die Aufgabe der Priester und der Scheichs, den Laien die Religion zu vermitteln und sich um Rituale, wie Taufen oder das Waschen von Toten, zu kümmern«, erklärt Ibrahim.

Scheich Ibrahim Atallh Ibrahim

Jeder Familien-Clan hat bei den Jesiden einen Scheich, der sich um sie sorgt. Sie haben eine hohe Stellung und beten für die Gesundheit und Sicherheit ihrer Laien. Auch Ibrahim Atallh Ibrahim, der seit 2010 in Gütersloh lebt, geht seiner Aufgabe als Scheich nach.

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