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Gütersloh: Erdkunde- und Geschichtslehrer wechselt nach 44 Jahren in den Ruhestand

„Der Büscher“ kehrt Schule den Rücken

Gütersloh (WB). Die ersten Schüler, die Dr. Wolfgang Büscher (64) am Städtischen Gymnasium Gütersloh bis zum Abitur brachte, werden in diesem Jahr 60 Jahre alt. Er freue sich schon ungemein, sie wieder zu sehen, um mit ihnen nach 44 Jahren ganz entspannt und ausgelassen über die Schule damals und heute plaudern zu können. Er muss nur noch eben seine Pensionierung nach 44 Dienstjahren am heutigen Dienstag hinter sich bringen.

Stephan Rechlin

Dr. Wolfgang Büscher blickt auf 44 Dienstjahre am Städtischen Gymnasium Gütersloh zurück. Eine Zeit, in der sich Schüler, Eltern und Lehrer stark verändert haben. Der tägliche Umgang mit jungen, immer ganz verschiedenen Menschen habe ihm am meisten Freude bereitet, auch wenn er nüchtern zurückblickt. Foto: Wolfgang Wotke

Noch mal dieser Beruf? Noch mal Lehrer in Gütersloh, wenn er die Wahl hätte? Büscher: „Unter den damaligen Bedingungen – ja. Heute: nein.“ Was war denn 1976, in seinem ersten Lehrerjahr, als er die Schwarz-Weiß-Filme des Instituts für Film und Bild in Wissenschaft (FWU) noch selbst in den 16-Millimeter-Projektor einlegen musste, so viel besser?

„Die Schüler brachten ein größeres Grundwissen von zu Hause mit.“ Büscher führt das auf gemeinsame Abendessen und gemeinsame Fernsehabende zurück. „Es gab nur drei Programme. Wer noch nicht ins Bett wollte, musste notgedrungen eben das mit gucken, was sich die Eltern oder Großeltern anschauten.“ Schon die Fragen bei „Dreimalneun“ oder später dem „Großen Preis“ hätten ein ganz anderes Niveau als die heutigen Quizshows gehabt: „Da wurde Bildung abgefragt.“

In gut 40 Jahren habe es keinen einzigen Fall am Städtischen Gymnasium gegeben, in denen das Jugendamt in den Familien hätte einschreiten müssen: „In den vergangenen vier Jahren hatten wir fünf oder sechs solcher Fälle.“ Gut ein Fünftel eines Schuljahrganges befinde sich inzwischen in psychiatrischer Behandlung: „ADS, Legasthenie, Selbstverletzungstendenzen. Es ist unfassbar, was heute alles diagnostiziert wird.“ Und falls es das nicht sei, liege eine übersehene Hochbegabung vor.

Lehrer muss erziehen

Entsprechend schwieriger gestalte sich der Unterricht. Statt im Stoff weiterzukommen oder guten Schülern „mehr Futter zu geben“, müsse der Lehrer immer häufiger Erziehungsdefizite ausgleichen, vor allem in der Mittelstufe. „Das werfe ich den betroffenen Kindern nicht vor. Sie sind meist sich selbst überlassen und müssen sehen, wie sie klar kommen.“ So spalte sich der Jahrgang im Laufe der Zeit in die Schüler, die Top-Abschlüsse schafften: „Das ist die Flut der Einser-Abis, über die sich viele Leute heute wundern.“ Und in jenen, weitaus größeren Teil, der mit einem schlechten Dreier- oder Viererdurchschnitt gerade noch so die Kurve bekomme: „Über die steht weniger in den Zeitungen.“ Nur den Mittelbau, die guten Zweier und Dreier, gebe es so gut wie nicht mehr.

Von den meisten Eltern sei heute keine Hilfe mehr zu erwarten: „Früher genossen Lehrer einen Vertrauensvorschuss, wenn Eltern ihre Kinder bei uns anmeldeten. Heute geht es meist sofort in die Konfrontation.“ Eine gewisse Zahl von Schülern werde auf dem Gymnasium angemeldet, weil es ebenso hohes soziales Prestige verspreche wie das teure Auto oder das mächtige Haus. Ob die emotionalen, körperlichen, sozialen und geistigen Voraussetzungen für solch einen Wechsel vorliegen, werde oftmals gar nicht mehr geprüft. Falls Schüler dann schlechte Noten mit nach Hause brächten, heiße es plötzlich, sie würden „gemobbt“. Die unkon-trollierte, zeitlich uneingeschränkte Nutzung von Handys habe die Aufmerksamkeits- und Aufnahmefähigkeitsspanne der Schüler zudem stark reduziert.

Keine Klassenbucheinträge mehr

Provozierendes Fehlverhalten von Schülern sei kaum noch sanktionierbar. Klassenbucheinträge gebe es nicht mehr: „Abgeschafft. Wegen Datenschutz.“ Der Ausschluss vom Unterricht oder ein angedrohter Schulverweis würden besonders schlimme Schüler nicht beeindrucken: „Sie wissen, dass wir erst eine aufnehmende Schule finden müssen, bevor wir sie vom Gymnasium verweisen können.“ Vor allem jüngere Kollegen versuchten, jeder noch so kleinen Minderheit gerecht zu werden. Daraus zwangsläufig entstehenden Konflikten würden sie mit nivellierten Noten oder langen Krankheitsausfällen aus dem Weg gehen: „Mal eben zwei Wochen raus wegen Magen-Darm ist inzwischen üblich.“

Abiturbälle seien übrigens immer schon teuer gewesen. „Allerdings haben frühere Jahrgänge kreativere Lösungen gefunden.“ Die Beste: Ein Jahrgang habe einfach die Neukunden-Prämien einer Bank abgeschöpft und damit so gut wie alles finanziert. „Anschließend wurden die Konten wieder gekündigt.“

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