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Gütersloh: Apotheken-Kunden können keinen Rassismus erkennen

Der Mohr darf bleiben

Gütersloh (WB). Der Begriff »Mohr« habe einen unterschwellig-rassistischen Unterton und solle deshalb aus Apotheken-Namen verschwinden. Im März stimmt die Frankfurter Stadtverordneten-Versammlung über solch einen Antrag ihrer Ausländer-Vertretung ab. Das Anliegen aber betrifft alle 88 »Mohren-Apotheken« in Deutschland.

Stephan Rechlin

Claudia Scherrer (links) und ihr Team halten am Namen ihrer Apotheke fest. Ihre Kunden unterstützen das. Das Foto stammt aus dem Jubiläumsjahr 2015. Foto: Wolfgang Wotke

Eine davon steht an der Ecke Marienfelder- und Bismarckstraße in Gütersloh, direkt am Kreisel. Als Claudia Scherrer diese Apotheke 2014 als Filiale ihrer Nord-Apotheke (Kahlertstraße) übernahm, ist sie von einem Kunden bereits auf dieses Problem angesprochen worden. Scherrer: »Er empfand den Namen als nicht mehr zeitgemäß.«

Bevor Scherrer aber nun einen Antrag auf Namensänderung beim Kreis Gütersloh einreichte, Leuchtreklame, Briefpapier und Werbung austauschte, nutzte sie genau diese Frage, um sich bei den Stammkunden der Apotheke als neue Inhaberin vorzustellen. Sie fragte bei 120 Kunden nach, ob sie für oder gegen eine Namensänderung seien. Ergebnis: »98 Prozent sprachen sich dafür aus, alles so zu lassen, wie es ist.« Und darum heißt die Apotheke auch heute noch so.

Das Volk der Mauretanier

Die Apothekerkammer Westfalen-Lippe bestätigt, dass landesweit über Namensänderungen von Mohren-Apotheken nachgedacht werde; nicht alle würden so pfiffig damit umgehen wie Claudia Scherrer in Gütersloh.

Die Namen stammten oftmals aus spätem Mittelalter und früher Neuzeit, sie hätten viele Jahrzehnte lang eine positive Bedeutung gehabt. Mohren war das mittelhochdeutsche Wort für das afrikanische Volk der Mauretanier, aus dem sich im Laufe der Zeit das Wort Mauren entwickelte. Die Mauren galten ebenso wie Äthiopier als besonders heilkundiges Volk. Über die wachsenden Handelsverbindungen gelangten ihre Kenntnisse auf den europäischen Kontinent. Mit dem Wort Mohr konnte ein Pharmazeut werben.

Mit der Kolonialisierung zum Ende des 19. Jahrhunderts bekam der Begriff eine abwertende Bedeutung. Nach Kriegen auf dem afrikanischen Kontinent galt der Mohr plötzlich als primitiver Neger. Als rassistisch gemeinte Beleidigung aber funktioniere der Begriff heute nicht mehr. Scherrer: »Vor allem jüngere Kunden wissen gar nicht mehr, was ein Mohr überhaupt sein soll.«

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