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Kreis Gütersloh zählt mehr Wohnungslose als die Stadt Bielefeld

Die Kälte kommt erst noch

Gütersloh (WB). Eine warme Mahlzeit pro Tag können Obdachlose in Gütersloh derzeit in der Vesperkirche bekommen, wenn sie möchten. Doch das Projekt ist bald beendet und der Winter dauert an. Im vergangenen Jahr begannen die richtig kalten Tage erst im Februar und dauerten bis in den Mai hinein.

Stephan Rechlin

Rüdiger Dreyer (links) und Martin Brandenburg suchen an kalten Tagen Schutz und Wärme in der Wartehalle des Gütersloher Bahnhofes. Damit ecken sie bei den Geschäftsinhabern im Bahnhof, der Deutschen Bahn und Reisenden an. Foto: Carsten Borgmeier

Einer Landesstatistik zufolge leidet der Kreis Gütersloh stärker unter Wohnungslosigkeit als die Stadt Bielefeld. Landesweit belegt der Kreis einen alarmierenden neunten Platz. Deswegen springt das Land mit einer Soforthilfe von 100.000 Euro und drei Stellen für so genannte „Kümmerer“ zur Seite. Sie sollen als Ansprechpartner von Vermietern und möglichen Bauherren frühzeitig und präventiv etwas gegen drohende Wohnungskündigungen unternehmen und bestehende Mietverhältnisse stabilisieren. Ein besonderes Augenmerk sollen sie auf Frauen und junge Wohnungslose richten, allen anderen beratend zur Seite stehen.

Daneben arbeiten der Kreis und die Wohlfahrtsverbände an einer langfristigen Strategie gegen Wohnungslosigkeit. Mit den kreisangehörigen Kommunen, den Trägern der Wohnungslosenhilfe und der Suchtberatung der Caritas haben Kreisgesundheitsamtsleiterin Dr. Anne Bunte und Kreissozialamtsleiterin Judith Schmitz im Dezember den konkreten Beratungs- und Hilfsbedarf ausgelotet. Wichtigste Erkenntnis: Wohnungslosigkeit hängt in den allermeisten Fällen mit einer Suchterkrankung zusammen. Entweder bedingt das eine das andere oder anders herum.

Beratungsprogramm für Obdachlose

Als Konsequenz daraus sollen der Kreisverband der Caritas und der Kreis Gütersloh ein Beratungsprogramm für Obdachlose ins Leben rufen. Veränderungen im sozialen Umfeld, Arbeitslosigkeit oder Wohnungsverlust – wegfallende Strukturen können Suchtprobleme auslösen und sogar verschlimmern. Das Risiko, seine Wohnung wegen einer Abhängigkeit zu verlieren, sei immens. Das Beratungsprogramm sei auf Menschen zu konzentrieren, die keine Wohnung haben oder vorübergehend in einer Notunterkunft leben. In besonders kritischen Fällen liegt diese Beratung und Betreuung obdachloser Menschen bislang beim Sozialpsychiatrischen Dienst der Abteilung Gesundheit.

Nach dem Kreisgesundheitsausschuss stimmte am Montag auch der Kreisausschuss dieser Vorgehensweise zu. Mit dem fertigen Konzept soll sich der Kreis anschließend um Fördergelder aus der Landesinitiative „Endlich ein Zuhause“ bewerben. Wegen der alarmierenden Position in der Landesstatistik habe der Kreis bei einer Antragstellung Aussicht eine bevorzugte Prüfung.

In den Ausschüssen unterschieden Bunte und Schmitz zwischen Obdachlosigkeit und Wohnungslosigkeit. Ohne eigene Wohnung zu sein, bedeute, dass die betroffenen Menschen kein eigenes Zuhause hätten und in Einrichtungen und Notunterkünften leben müssten. Obdachlose würden solch eine Unterbringung mitunter rigoros ablehnen.

Aktionsradius bis in die Notunterkünfte

Um auch diese Menschen zu erreichen, soll eine entsprechende Beratungs- und Betreuungsstelle beim Land beantragt werden. Sofern das Land den Antrag bewilligt, kann das Projekt im Juli mit einer Laufzeit von 18 Monaten starten. Das Land habe signalisiert, das Projekt um 30 Monate zu verlängern. Ein wichtiger Bestandteil des Konzepts soll die Zusammenarbeit mit den Kümmerern sein, die ihren Aktionsradius bis in die Notunterkünfte hinein ausdehnen werden.

Die Kümmerer sind bereits in Gütersloh, Rheda-Wiedenbrück, Borgholzhausen, Halle, Steinhagen, Versmold und Werther eingesetzt. Dort nehmen sie Kontakt mit Vermietern auf und versuchen, drohende Kündigungen abzuwenden. Damit die Mieter nicht in der Kälte landen.

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