1. www.westfalen-blatt.de
  2. >
  3. OWL
  4. >
  5. Gütersloh
  6. >
  7. Drei Stufen führen zur Wahrheit

  8. >

Doppelmord: Vor dem Urteil besucht Profiler Axel Petermann für das WESTFALEN-BLATT den Tatort

Drei Stufen führen zur Wahrheit

Gütersloh (WB). Der mutmaßliche Doppelmörder von Gütersloh muss für 13 Jahre ins Gefängnis. Deutschlands bekanntester Profiler Axel Petermann hat am Dienstag den Urteilsspruch gegen den Klempner Jens Sch. (30) aus Verl im Landgericht Bielefeld verfolgt. Zuvor hat er noch einmal den Tatort in Gütersloh besucht und sich seine eigenen Gedanken über diesen spektakulären Kriminalfall gemacht.

Wolfgang Wotke

Deutschlands bekanntester Profiler Axel Petermann hat noch einmal den Tatort an der Badstraße besucht und am Dienstag das Urteil gegen Jens Sch. im Landgericht Bielefeld verfolgt. Foto: Wolfgang Wotke

Für den 63-jährigen Fallanalytiker und Bestsellerautor führen drei Stufen zur Wahrheit. Damit meint er die drei Treppenstufen aus dunklem Marmor vor dem Haupteingang der Villa an der Badstraße 12a. Dort, im Ess- und Wohnzimmer, sind am 24. Dezember 2013 die 74-jährige Ärztin Dr. Helgard G. und ihr Bruder, der Ex-Studiendirektor Hartmut S. (77), mit jeweils elf Messerstichen ermordet worden.

»Die Tat war geplant«

»Über diese Stufen hat sich der Täter, bewaffnet mit Messern,  Zugang zum Haus verschafft.« Petermann, der vier Jahrzehnte lang bei der Kripo in Bremen mehr als 1000 Tötungsdelikte untersucht und die Mordkommission geleitet hat, später auch die Fallanalyse, glaubt an eine geplante Tat. Auch der Heiligabend sei damals bewusst ausgewählt worden. »An so einem Tag sind die Menschen mit sich selbst beschäftigt. Die Wohnlage ist hier eher ruhig, der angrenzende Park dunkel, es ist niemand auf der Straße. Der Täter wollte unerkannt bleiben. Er war sich sicher, dass er keine misstrauischen Leute trifft.«

Axel Petermann schaut sich noch  um, wagt auch einen Blick hinter das Haus. In seinen Händen hält er sein iPad, auf dem er die Zeitungsberichte aus dem WESTFALEN-BLATT gespeichert und aufgerufen hat. Er vergleicht die Pressebilder mit der Realität. Dann  geht er einige Schritte weiter und betrachtet den ungepflegten Garten.

Warum hat er kein Feuer gelegt?

»Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, warum der Täter das Haus durch eine Gasmanipulation in die Luft jagen wollte und warum er nicht einfach ein Feuer gelegt hat, um die Spuren zu zerstören?«, sprudelt es plötzlich aus ihm heraus. Er liefert die Antwort mit: »Eine Explosion hat eine größere Intensität. Da fliegt einem alles um die Ohren. Ein Feuer wäre vielleicht entdeckt worden und hätte von Nachbarn gelöscht werden können.«

Interessiert hat ihn auch das von der Polizei gefundene Buch der »21 Techniken des lautlosen Tötens« auf dem Rechner des Tatverdächtigen. »Ich glaube schon, dass es so eine Art Anleitung gewesen sein könnte. Doch bis auf den Stich ins Auge der Ärztin, der in der Lektüre beschrieben wird, kann ich keine Parallelen zuordnen. Die Zeichnungen in dem Buch zeigen Tatausführungen in erster Linie im Vorbeigehen. Das hat hier in unserem Fall irgendwie nicht geklappt.«

Josef S. im Visier der Justiz

Die Täter befassten sich vorher gedanklich mit  ihrem Vorgehen. »Ihre Phantasie dann in die Realität umzusetzen, ist für sie meist schwierig, wenn das alles nicht aus dem Affekt geschieht,   denn die Reaktion des Opfers ist nicht kalkulierbar. Ebenso weiß beispielsweise ein Ersttäter nicht, wie es sich anhört, wenn ein Mensch stirbt. So kann es sein, dass er sich in seiner Gewalt steigert.«

Nach der Urteilsverkündung im Landgericht Bielefeld wundert sich Petermann darüber, dass man gegen den Lebensgefährten der Tochter, Josef S., noch keinen »Schein« ausgestellt habe. »Mit Schein meine ich einen Haftbefehl, denn das Gericht hat ausdrücklich darauf hingewiesen, dass der Angeklagte durch Initiative von S. gehandelt haben soll.« Es sei nun zu befürchten, dass er sich demnächst aus dem Staub mache.

Petermann, der den Doppelmordfall länger beobachtet hat und ihm vielleicht ein Kapitel in seinem nächsten Buch widmet, ist gespannt, wie er sich weiterentwickelt. Er glaubt nicht, dass der Verurteilte bald doch noch die Wahrheit sagen wird. »Manche sind hartnäckig und sitzen ihre Strafe ab. Das habe ich oft erlebt.«

Startseite
ANZEIGE