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In der Gütersloher Polizei sorgt die überraschende Versorgung einer Führungskraft für Diskussionen

Eine Corona-Impfung für den Polizeidirektor

Gütersloh

Die Corona-Impfung eines Polizeidirektors aus Gütersloh sorgt in der Behörde für heftige Diskussionen. Während einige Beamte ihn als Impf-Vordrängler bezeichnen, schrieb sein Vorgesetzter, Polizeichef Christoph Ingenohl, am Mittwoch in einem internen Brief an die Beschäftigten, aktuelle Neiddebatten seien „völlig unangebracht“.

Christian Althoff

Wer wird geimpft? Darauf haben im Moment viele Menschen in Deutschland ein Auge. Foto: Thomas F. Starke

Jeden Abend bleiben im Corona-Impfzentrum des Kreises Gütersloh Dosen übrig – weil Menschen ihren Termin nicht einhalten oder aus gesundheitlichen Gründen zurückgestellt werden müssen. Die Impfverordnung sieht vor, dass überzählige Impfdosen nur Menschen gespritzt werden dürfen, die die gleiche Priorisierung haben wie die ursprünglichen Impflinge.

Dr. Michael Hanraths, Ärztlicher Leiter des Impfzentrums (Archivbild). Foto: Johannes Gerhards

Das bedeutet, dass aktuell nur Menschen aus der höchsten Priorisierungsgruppe 1 (u. a. Bürger ab 80) den Corona-Impfstoff bekommen dürfen. Dr. Michael Hanraths, der Ärztliche Leiter des Impfzentrums: „Wir kämpfen mit Händen und Füßen dafür, aber es funktioniert nicht immer.“ So habe man eine Reserveliste mit 80-Jährigen, die angegeben hätten, sie könnten nach einem Anruf innerhalb einer Stunde im Impfzen­trum sein. „Aber das schaffen einige dann doch nicht.“ Und dann sei es eben besser, jemanden aus einer niedrigeren Priorisierungsgruppe zu impfen, als die Arznei in angebrochenen Fläschchen verkommen zu lassen.

Zur niedrigeren Priorisierungsgruppe 2 (u. a. Menschen ab 70) gehören nach der Impfverordnung der Bundesregierung auch einige Polizisten, nämlich solche, die einem hohen Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Das können zum Beispiel Streifenbeamte sein, Kräfte, die bei Demonstrationen eingesetzt werden oder Todesermittler.

Die Gütersloher Polizei hatte sich nach eigenen Angaben schon länger auf den Fall vorbereitet, sollte es abends einen Anruf aus dem Impfzentrum geben. Sprecherin Katharina Felsch: „Klar war, dass die operativen Kräfte mit Bürgerkontakten Vorrang haben sollten. Wir haben einen Koordinator in der Leitstelle bestimmt, der nach dem Anruf des Impfzentrums über die Entsendung von Polizisten entscheidet, denn natürlich darf die Einsatzbereitschaft nicht massiv eingeschränkt werden. Zumal ein Impftermin mit An- und Abfahrt 90 Minuten dauern kann.“

Als am vergangenen Donnerstag gegen 17.30 Uhr der Verfall angebrochener Astrazeneca-Fläschchen drohte, meldete sich das Impfzentrum bei der Polizei, und die gab Beamten von ihrer Impfliste grünes Licht. Trotzdem blieben nach Angaben der Behörde noch zwei Dosen übrig, für die man keine Polizisten aus dem operativen Bereich gefunden habe. In dieser Situation sei dann entschieden worden, dem Polizeidirektor und einem weiteren Mitarbeiter des nicht-operativen Dienstes die Impfung zu ermöglichen. Einzelne Beamte kritisieren diese Entscheidung jetzt. So soll ein Polizist mit einer Vorerkrankung von der Impfliste gestrichen worden sein, weil er nicht dem operativen Dienst angehört. „Der hätte die Impfung auf jeden Fall eher gebraucht als unser Chef“, sagt ein Beamter.

Patrick Schlüter, Gewerkschaft der Polizei

Christoph Ingenohl, der oberste Polizist im Kreis, schreibt in seinem Mitarbeiterbrief, „eine umfassende Gerechtigkeit“ bei der Vergabe der Impfmöglichkeiten werde es nicht geben. Das Impfzentrum verteidigt die grundsätzliche Entscheidung, Impfstoff an Polizisten abzugeben. Dr. Clemens Kloppenburg, der stellvertretende Ärztliche Leiter und früherer Polizeiarzt: „Polizisten sind mobil und rund um die Uhr im Einsatz. Die können jederzeit in 30 Minuten im Impfzentrum sein, was uns hilft, angebrochenen Impfstoff nicht wegwerfen zu müssen.“

Die Gütersloher Polizei ist die einzige in Ostwestfalen-Lippe, die bisher Impfangebote ihres Impfzentrums bekommen und genutzt hat. Aus den Kreispolizeibehörden Minden-Lübbecke, Herford, Lippe, Höxter und Paderborn hieß es, man bereite sich zwar vor, warte aber ab, bis die Priorisierungsgruppe 2 regulär an der Reihe sei. Das Polizeipräsidium Bielefeld teilte mit, bei einem Impfangebot werde man die vorgegebene Reihenfolge einhalten. Bisher sei aber noch kein Beamter geimpft worden.

Die Gewerkschaft der Polizei begrüßt, dass im Kreis Gütersloh erste Polizisten geimpft werden. Patrick Schlüter, GdP-Vizevorsitzender in Ostwestfalen-Lippe: „Die Kollegen im Streifendienst sind genauso gefährdet wie Rettungssanitäter, die ja schon geimpft werden. Wir haben es mit Corona-Leugnern zu tun, wir werden bespuckt – da gönne ich jedem Kollegen die Impfung.“

Dr. Clemens Kloppenburg nerven die Debatten um mutmaßliche Impf-Vordrängler. „Sie verstellen den Blick auf die tolle Arbeit, die in den Impfzentren geleistet wird. Bei uns sitzen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Kreisverwaltung, die bis nachts Überstunden machen, obwohl sie zu Hause Familie haben. Hier ziehen alle an einem Strang. und keiner schaut auf die Uhr.“ „Und das“, ergänzt sein Kollege Dr. Michael Hanraths, „obwohl viele von uns ja schon im Rentenalter sind - so wie ich.“

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