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Gütersloh

Eine Frage von Schuld und Moral

Gütersloh (wh) - Willkommen auf Aiaia, der Insel der Circe, einer Hexe, die in sagenhaften Zeiten mit Odysseus einen Sohn, Telegenos, zeugte. Um Herr über die Touristenmassen an ihrem Strand zu werden, verwandelt sie die ankommenden Menschen in Schweine. Ihr Sprössling, er nennt sich selbst Mr. T., jettet als Schweinebaron durch die Welt.

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Im weißen Würfel am Hans-Werner-Henze-Platz feierte am Samstagabend die Eigenproduktion „Oinkonomy“ Premiere. Zwei weitere Aufführungen, am 30. und 31. Oktober, folgen. Geschrieben von Ingeborg-Bachmann-Preisträgerin Nora Gomringer, inszeniert von Theaterleiter Christian Schäfer und mit Kostümen von Anna Sun Barthold-Torpai.

Reaktion auf Katastrophe

Mit dieser Tragödie reagiert das Theater auf die Katastrophe in einem Fleischunternehmen der Nachbarstadt, auf den dortigen Ausbruch gefährlicher Viren und den damit erzwungenen erneuten Stillstand des gesellschaftlichen Lebens in der Region. Das Zweipersonenstück fragt nach Verantwortung, Schuld und der Moral des Handelns. In langen Monologen einer Doppelrolle zieht Schauspieler Frank Siebenschuh alle Register seines Könnens. Er gibt die Hexe als verführerische, elegante Gastgeberin und sorgende Mutter in langem, weiten Rock. Als Geschäftsmann in Leder hingegen wirkt er fokussiert und aalglatt.

Unterstützung der Menschheit

Miriam Berger, schon beinahe Stammpersonal in Schäfers Inszenierungen, wandert in der Rolle des Schweins oft schweigend, mit hängenden Schultern über die leere, weit geöffnete, aber auch multimedial gestaltete Bühne. Sie kommentiert das Geschehen mit pantomimischen Einlagen, fordert gestisch die Unterstützung der Menschheit ein. Im hygienisch-weißen Food-Overall berichtet sie vom „Schweinsein“ in dieser Welt. Da kann sie keine guten Nachrichten überbringen: Massentierhaltung ist unmenschlich. Man müsse eine Störung provozieren, die in die Geschichte eingeht, wird ihr klar. Eine Verzögerung könne Veränderungen bringen. Wie bei einem gefällten Baum, dessen Ringe bis auf einen ruhig, stetig und klar verlaufen.

Kunde als nützlicher Hanswurst

„Dieser eine, das war ich,“ bekennt sie und berichtet, wie es gelang, alle Tiere durchs Gatter zu treiben – die Klippen hinab. Mr. T. sorgt sich derweil ums Marketing für sein Imperium. „Selig sind die, die Fleisch produzieren,“ preist er sich und erkennt, dass das nicht glaubwürdig rüberkommen kann. Denn den, der das Fleisch kauft, schätzt er nicht. Der ist für ihn ein nützlicher Hanswurst, dem alles nicht billig genug sein kann. Der kein Gewissen hat und nichts vom Weg des Schweins zum Fleisch wissen will: Nichts von der Todesangst, nichts vom Bad im Kohlenmonoxid, nichts vom Ausbluten. Nichts von der Zerteilung des Tiers und dem Schicksal der Fabrikarbeiter. Willkommen in der Welt.

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