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Gütersloh

„Es kommt zu spät und zu langsam“

Gütersloh (lw) - Am Tag nach den Berliner Corona-Übereinkünften hat sich diese Zeitung bei Einzelhändlern und Gastronomen umgehört. Sprecher reagieren enttäuscht bis zornig. Sie erwarten weitergehende Lockerungen oder zumindest einen plausiblen Fahrplan.

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Wann und unter welchen Bedingungen die Geschäfte in der Gütersloher Innenstadt und in den Ortsteilen wieder öffnen werden, ist angesichts der komplizierten Voraussetzungen weiter eine offene Frage. In vielen Geschäften kann man bestellte Ware abholen.

„Es kommt zu spät und zu langsam“, sagt Rainer Schorcht. Der Sprecher des Gütersloher Einzelhandels zeigt sich enttäuscht von den Ergebnissen von Mittwochabend in Berlin. Einzelne Kunden nur mit Termin zu bedienen, sei „wirtschaftlicher Wahnsinn“.

Die neue Verordnung, die noch vom Land erlassen werden muss, sieht vor, dass Einzelhändler ab kommendem Montag unter bestimmten Bedingungen wieder öffnen dürfen. Liegt die Sieben-Tage-Inzidenz unter 50, ist ein Kunde pro 10 beziehungsweise 20 Quadratmeter (abhängig von der Verkaufsfläche) erlaubt. Für den Kreis Gütersloh würde aber wohl – Stand Donnerstag – eine andere Maßnahme greifen. Denn hier liegt der Wert zwischen 50 und 100. Dann soll es Bürgern möglich sein, mit einem Termin shoppen zu gehen. Erlaubt ist ein Kunde pro 40 Quadratmeter.

„Die Einzelhändler sind damit nicht zu retten“, sagt Schorcht. Zum einen unterbinde man dadurch das Herumstöbern. „Die Spontaneität ist völlig kaputt“, so der Sprecher des Einzelhandelsverbands. Zum anderen müsse man auch bedenken, was das für einen Aufwand bedeute. „Dann holt man die Mitarbeiter aus der Kurzarbeit und fährt das Geschäft komplett hoch für einen Bruchteil des möglichen Umsatzes“, sagt Schorcht.

Seit Mittwochabend meldeten sich unentwegt Kollegen aus dem Gütersloher Einzelhandel bei ihm, um über die geplanten Maßnahmen zu beraten. Schorcht sieht aber noch ein weiteres Problem. Die Maßnahmen seien überhaupt nicht im Sinn der Kunden. „Wenn ich einem Kunden nicht den gewünschten Termin geben kann, weil der schon gebucht ist, ist das nicht wirklich toll.“ Online-Händler wie Amazon seien da klar im Vorteil. Mit der Terminbuchung werde den Kunden eine Hürde auferlegt, die nicht jeder nehmen wolle.

„Was damit bekämpft wird, ist der Stadtkern.“ Denn die Geschäfte in der Innenstadt hätten von den vergangenen zwölf Monaten fünf Monate lang schließen müssen. Dass es dann Einzelhändler gebe, die anschließend gar nicht mehr öffnen könnten, sei da nicht verwunderlich. Außerdem lasse sich aus den Maßnahmen Willkür herauslesen. Dass zum Beispiel ab Montag die Buchhandlung wieder öffnen dürfe, das Geschäft ein, zwei Häuser weiter aber nicht, lasse sich nur schwer nachvollziehen. „Die Ansteckungsgefahr ist in dem anderen Geschäft ja nicht höher“, sagt Schorcht.

Auf der anderen Seite gebe es dann Supermärkte, die ihr Non-Food-Sortiment erweitert hätten und Kleidung verkauften, während die Geschäfte geschlossen bleiben müssten. Hinzukomme, dass das KfW-Darlehen, das er wie viele andere Einzelhändler aufgenommen habe, ein Jahr tilgungsfrei gewesen sei. Das Jahr sei nun vorbei. Das Darlehen müsse getilgt werden. Die Einnahmen blieben aber weiter aus.

„Das ist überhaupt nicht zu Ende gedacht“

Als wenig wirtschaftlich sieht auch Andreas Kerkhoff, Kreisvorsitzender des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga), die geplanten Maßnahmen. Die Öffnung der Außengastronomie unter bestimmten Bedingungen ab dem 22. März zu ermöglichen, sei plakativ. „Das ist überhaupt nicht zu Ende gedacht“, sagt er. Ende März/Anfang April sei das Wetter in unseren Breitengraden in den meisten Fällen nicht für den Außenbereich geeignet. „Wenn es plötzlich einen Schauer oder ein Gewitter gibt: Wohin sollen dann Gäste?“, sagt er.

Abgesehen davon sei es meist zu kalt, um sich abends ein ganzes Gericht schmecken zu lassen. Es sei auch schwer, das zu planen. Lebensmittel müssten eingekauft und das Personal organisiert werden.

Schwierig sei auch die Sache mit dem tagesaktuellen Schnell- oder Selbsttest. „Woher weiß ich denn, dass der nicht schon drei Tage alt ist, wenn die Gäste kommen?“, sagt Kerkhoff. Es gebe noch zahlreiche Fragen, die man vorher klären müsse.

Nach derzeitigen Überlegungen ist der tagesaktuelle Test dann verpflichtend, wenn die Inzidenz zwischen 50 und 100 liegt. Und auch dann ist der Restaurantbesuch nur mit vorheriger Terminbuchung möglich. „Wer auf einer Radtour ist oder durch die Innenstadt schlendert und nochmal kurz irgendwo einkehren möchte, der kann das vorher nicht planen“, sagt der Inhaber des Ringhotels und Restaurants Appelbaum. Wenn es zudem nur einen kostenlosen Schnelltest pro Woche gebe, sei auch nicht jeder bereit, für einen zweiten Test noch einmal selbst in die Tasche zu greifen, um am Wochenende essen gehen zu können.

Kerkhoff vermisst bei den Maßnahmen vor allem den Weitblick für Hotels und Restaurants. „Dass das nicht einfach ist in der Politik, kann ich verstehen“, sagt er. Aber wenn er zum Beispiel Veranstaltungen – Hochzeitsgesellschaften oder Geburtstagsfeiern – besser planen könne, hätte man zumindest eine Perspektive, sagt der Gastronom.

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