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Gütersloh: Computerspielsucht ist eine Krankheit – Salzmann-Klinik therapiert

Friedhof der Avatare

Gütersloh (WB). Computerspielsucht ist eine Krankheit. Die Aufnahme dieser Diagnose in den internationalen Katalog der Krankheiten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist eine Zäsur für die Gütersloher Bernhard-Salzmann-Klinik.

Stephan Rechlin

Chefarzt Dr. Ulrich Kemper begrüßt die Entscheidung der Weltgesundheitsorganisation, Computerspielsucht als Krankheit festzulegen. Foto: Stephan Rechlin

Chefarzt Dr. Ulrich Kemper nennt die erste und wichtigste Konsequenz: »Patienten haben fortan eine Rechtsgrundlage, die Behandlung von ihren Krankenkassen finanzieren zu lassen. Nicht mehr aus Kulanz, sondern weil sie es müssen.« Die Aufnahme in den Katalog wirke sich noch weiter aus: Sowohl Suchtberatungsstellen als auch Allgemeinmediziner und Kinderärzte müssten sich intensiver als bisher mit Symptomen der Krankheit ausein-andersetzen; die Hersteller von Computerspielen – immerhin ein Markt für 34 Millionen Spieler allein in Deutschland mit einem größeren Umsatz als die Musikindustrie – könnten endlich verpflichtet werden, etwas zu den Kosten von Therapie und Prävention beizutragen.

Klinik behandelt seit 2009

In der Salzmann-Klinik werden computerspielsüchtige Patienten seit 2009 behandelt. Das Konzept nimmt Begleiterkrankungen mit in den Blick. Sozialarbeiter Christian Groß: »Oft sind spielsüchtige Gamer zuvor mit den Erwartungen und Anforderungen des realen Lebens nicht zurecht gekommen.« Sie hätten bestimmte Ziele in ihrem Leben nicht erreicht, seien depressiv geworden, wurden von anderen Gruppen ausgegrenzt und flüchteten statt dessen in eine virtuelle Welt.

So wie Georg Meier (33 Jahre alt, Name geändert), seit sechs Wochen Patient der Salzmann-Klinik. Er startete 2001 im Alter von 17 Jahren mit World of Warcraft, so wie alle seine Freunde seinerzeit: »Von denen bin ich der einzige, der das noch spielt.« Mit Level zu Level seien die Avatare, die von ihm kreierten Soldaten, zu seinem zweiten Ich geworden. Mit ihnen durchkämpfte er die Nächte und Wochenenden in den vergangenen 17 Jahren, nahm Amphetamine, wenn es nicht mehr ging, opferte ihnen jede freie Minute seines Lebens. Bis eines Tages die Polizei bei ihm klingelte und fragte, wann er denn mal seine Rechnungen bezahlen wolle. Er vertraute sich dem Meister in seinem Betrieb an – über die Suchtberatung seiner Firma gelangte er schließlich zur Salzmann-Klinik.

Therapie beginnt mit Beerdigung

Hier beginnt die Therapie mit einer Beerdigung. Georg Meier muss sich von seinen Avataren trennen. Im Internet ist ihnen allen Ernstes ein Friedhof eingerichtet worden, auf dem sie mitsamt ihren Daten begraben werden können. Ulrike Dickhorst, Therapeutische Leiterin: »Das mag ungewöhnlich klingen. Doch diese Avatare waren viele Jahre intensiver Teil des Lebens unserer Patienten. Die Trennung von ihnen erzeugt Trauer und hinterlässt eine gewisse Leere.«

In der Therapie gehe es unter anderem darum, diese Leere wieder zu füllen. Mit sinnvollem, richtigem Leben.

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