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Mitten in der Pandemie planen die Modemacher aus Ostwestfalen-Lippe jetzt für die nächste Herbst- und Wintersaison

Gemütlich – und teils aus Recyclingmaterial

Nicht die Maske, sondern die bequeme Jogginghose ist aktuell das modische Symbol der Corona-Zeit. Sie hat zumindest bei denen, die Kunden- und Mitarbeitergespräche nur über Video führen und ansonsten den größten Teil der Arbeitszeit im Homeoffice verbringen, den traditionellen Businesslook ersetzt.

Bernhard Hertlein

Cosy – gemütlich – soll sie sein, die Mode im kommenden Herbst und Winter. „Kein Lametta“ , kommentiert einer der Mode-Hersteller aus Ostwestfalen-Lippe den Trend zum eher Minimalistischen. Dieses Blümchenkleid in der Trendfarbe Braun von Seidensticker ist dafür ein Beispiel. Foto: Seidensticker

Wird sie mit dem Ende der Pandemie – hoffentlich noch in diesem Jahr – ihre Hauptrolle verlieren und nur noch zum Laufen oder fürs Fitnessstudio aus dem Schrank geholt werden?

Die Antwort der ostwestfälischen Modemacher ist ein eindeutiges „Jein“. Normalerweise treffen sie sich Ende Januar in Düsseldorf zur Ordermesse cpd. Diese findet 2021 nicht statt. Stattdessen gibt es die „Düsseldorf Fashion Days“ – die im Gegensatz zu den voraus gegangenen Berliner Modemessen immerhin nicht ausschließlich digital stattfindet. Doch beschränkt sie sich auf kleine Treffen zwischen Händlern und Vertriebsmitarbeitern, ohne Glamour, Party und Blitzlicht.

Allerdings wird sich Mode, über die nicht gesprochen wird, auch dann schlecht verkaufen, wenn die Modehäuser und Boutiquen wieder öffnen dürfen. Indessen sollte man von den Blusen und Kleidern, den Hosen und Hemden, die derzeit in den Showrooms der Hersteller zu sehen sind und so ab August als Herbst-/Winter-Ware in die Geschäfte kommen dürften, keine Revolution erwarten.

Fest steht: Die Jogginghose wird die Pandemie überleben – weniger als Einzelstück, aber als Gedanke. „Casual“, der entspannte Freizeitlook, begleitet die Branche zwar schon länger. Doch das neue Schlagwort, Cozyness, wahlweise auch Cosyness geschrieben, geht einen Schritt weiter. Gemütlich, behaglich, kuschelig soll der Modeherbst und -winter 2021/22 werden – und damit so ganz anders als die raue Wirklichkeit der Pandemie jetzt.

Konkret heißt das etwa bei Gerry Weber in Halle, dass die Röcke, Kleider, Shirts und leichten Strickjacken länger und oft weiter – lässiger – werden. Bei den Hosen haben die Frauen die Wahl zwischen weit oder eng. Die Farben – insbesondere weiß, beige, braun, silber- und taubengrau bis schwarz – sind erdig und zurückhaltend. Starke Farben beschränken sich, so sieht es die gesamte Branche, auf besondere Akzente. Bei Taifun, aber nicht nur hier, feiert der Dufflecoat (mit Kapuze), bei der auf große Größen spezialisierten Gerry-Weber-Marke Samoon der Poncho ein Comeback.

„Cozy“ und „slightly oversized“ sind auch bei Seidensticker ein wichtiges Thema – nachdem jahrelang die Slim-Größen im Vordergrund standen. Der Bielefelder Hemden- und Blusenhersteller legt Wert darauf, dass Bequemlichkeit und ein gepflegtes Äußeres kein Widerspruch sein müssen.

Das zentrale Thema bei Brax (Herford) ist Loungewear, also Bekleidung für Salon und Wohnzimmer. „Wir setzen schon seit einigen Jahren auf Materialien wie Hi-Flex oder auch Jersey im Hosenbereich, die Mode bequem und stilsicher zugleich machen“, sagt Geschäftsführer Marc Freyberg.

Ein „Must-have“ für den Kleiderschrank ist nach Ansicht von Bugatti im kommenden Winter ein neuer Wollmantel. In der Submarke Respect Nature bieten die Herforder Mäntel, Jacken und Jeans mit einem Gewebe aus 100 Prozent recycelter Wolle oder recyceltem Polyester an; letzterer werde hauptsächlich aus recycelten PET-Kunststoffflaschen gewonnen, heißt es.

Überhaupt ist Nachhaltigkeit 2021 ein großes Thema. So kündigt die Ahlers-Nobelmarke Baldessarini einen Herrenpullover an, der zu 100 Prozent aus recycelten Jeans hergestellt wird. Auch Pierre Cardin, die größte Marke von Ahlers (Herford), setzt recycelte Wolle und organisch produzierte Baumwolle ein. Außerdem würden Jacken mit „Lucky Duck“ gefüllt, einer soften Füllung aus künstlichen Daunen.

Bei Marc Aurel (Gütersloh) sind die Kunstdaunen sogar aus einem Recyclingmaterial gewonnen. Sportive Damenhosen werden teilweise aus Tencel oder Lyocell hergestellt – Holzfasern, die, wie Marc Aurel betont, auf ökologisch korrekten Plantagen gewonnen werden; das bedeutet ohne extra Bewässerung, ohne Pestizide oder Kunstdünger und nicht auf Flächen, auf denen vorher Nahrungsmittel angebaut wurden. Was die modische Aussage betrifft, so schließt sich bei Marc Aurels neuer Kollektion „Fit for Fashion“ der Kreis: lässig, teilweise oversized, leicht und aus fließenden Materialien.

Wenn es um besondere Materialien geht, so steht die kleine, auf nachhaltige Mode spezialisierte Löhner Marke „Like a Bird“ den größeren in der Branche in OWL nicht nach. Bereits 2019 brachte Geschäftsführerin Tanja Kliewe-Meyer Blusen und Kleider aus Rosenfasern auf den Markt. Im vergangenen Jahr folgte Mode, die aus Kaffeesatzresten hergestellt wird. Aktuell im Programm sind Shirts, die zu 95 Prozent aus Ingwerfasern bestehen. Für Kliewe-Meyer ist das kein modischer Gag, sondern Teil einer nachhaltigen Strategie, die nicht nur die Umwelt schont, sondern Kleidung wieder werthaltiger macht. Die Kundschaft sei dafür sehr aufgeschlossen. Während der erste Lockdown vor zehn Monaten das junge Unternehmen hart getroffen habe, werde „Like a Bird“ aktuell mit Nachfragen überschüttet. Auch könne sie sich nicht über mangelnde Bestellungen beklagen.

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