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Sieben Einzelhändler haben in Gütersloh bislang das kostenlose Angebot angenommen

Geringes Interesse an Rollstuhl-Rampe

Gütersloh (WB). Bei Marco Polo an der Berliner Straße 62 hat Annette Runte Glück: Das Modegeschäft verfügt über eine mobile Rampe, über die die 50-Jährige mit ihrem elek­trischen Rollstuhl problemlos ins Geschäft fahren kann. Insgesamt gibt es in der City aber bislang wohl nur sieben Einzelhändler, die das kostenlose Angebot angenommen haben.

Carsten Borgmeier

Bei Marco Polo an der Berliner Straße 62 kann Annette Runte (50) problemlos einkaufen, da sie über die mobile Rampe ins Geschäft fahren kann. Doch nur wenige Händler in der Fußgängerzone scheinen an dem Hilfsmittel Interesse zu haben. Foto: Carsten Borgmeier

Das findet Annette Runte, stellvertretende Vorsitzende des Gütersloher Behindertenbeirats, enttäuschend. Ihren Angaben zufolge gibt es in der Gütersloher Innenstadt etwa 270 Geschäfte, gut 80 davon seien nur über Stufen erreichbar, also nicht barrierefrei. Und von diesen 80 Läden hätten in den vergangenen zwei Jahren seit Bestehen des Angebots der kostenlosen, mobilen Rampe nur sieben Einzelhändler Interesse bekundet.

Vor Optiker im Regen sitzen gelassen

Mit der Auslöser der gemeinsamen Aktion des Behindertenbeirats, der Dr.-Salk-Stiftung und der Gütersloh Marketing GmbH (gtm) war ein trauriges Erlebnis, das Runte vor einigen Jahren vor einem Optiker-Geschäft in der Innenstadt hatte: Dieser Laden verfügte nach Angaben der Avenwedderin über den vorderen Publikumseingang, der allerdings eine Stufe hatte, und einen barrierefreien Hintereingang für das Personal. »Draußen vor der Tür hatte ich im strömenden Regen durch Winken eine Angestellte auf mich aufmerksam gemacht«, berichtet die Rollstuhlfahrerin.

Die Mitarbeiterin sei zu ihr herausgekommen. Gemeinsam stellte man fest, dass es von vorne über die Stufe für Runte unmöglich war, mit dem 150 Kilogramm schweren Rollstuhl ins Geschäft zu gelangen. Die 50-Jährige wusste allerdings vom barrierefreien Zugang über den Kolbeplatz. Runte: »Doch der sei dem Personal vorbehalten, sagte mir die Frau und ließ mich tatsächlich im Regen sitzen.«

Daraufhin wurde das Projekt der mobilen Rampen ins Leben gerufen. Die Stiftung stellte 2017 nach Runtes Angaben einen mittleren vierstelligen Betrag bereit, von dem die rund 200 Euro teuren Rampen samt Aufkleber und Klingel bezahlt werden sollten. Beim jüngsten Protesttag des Aktionsbündnisses für Menschen mit Behinderung im April sei dann festgestellt worden, dass das Angebot kaum auf Resonanz im Gütersloher Einzelhandel gestoßen sei, so Runte. »Und in den wenigen Fällen sind oftmals die Aufkleber noch durch Blumenkübel verstellt oder die Klingeln nicht installiert«, kritisiert die 50-Jährige.

Einzelhandels-Sprecher sieht Kritik als Weckruf

Rainer Schorcht, Sprecher der Gütersloher Einzelhändler, sagt dazu auf WESTFALEN-BLATT-Anfrage: »Jeder Einzelhändler weiß: Jede Stufe zum Geschäft kostet zehn Prozent Umsatz. Stufen halten als psychologisches Hindernis auch Menschen zurück, die nicht im Rollstuhl sitzen.« Er weist darauf hin, dass es einige Geschäfte und Restaurants in der Stadt mit festen Rampen und Automatik-Türen gebe, wie beispielsweise Deichmann oder Mam’s Burger. Die Kritik will er als Weckruf an seine Kollegen weitergeben.

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