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Sven-Georg Adenauer über Corona, Werkverträge und seine Mitarbeiter

Güterslohs Landrat: „Ich glaube, Tönnies ist zu groß”

Gütersloh (WB). Es ist noch gar nicht so lange her. Der Kreis Gütersloh war im Lockdown , und ein Ende der Krise nicht in Sicht. Da klingelte das Telefon, und Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) wurde mit der Bundeskanzlerin verbunden. „Das hat mich natürlich sehr gefreut”, sagt der 60-Jährige und strahlt. „Die Kanzlerin hat uns Mut gemacht. Sie hat die Bevölkerung unseres Kreises dafür gelobt, dass sie die Regeln einhält, und hat uns einen guten Job bescheinigt. Sie sagte: Lassen Sie den Kopf nicht hängen.”

Christian Althoff

Landrat Sven-Georg Adenauer (CDU) aus Gütersloh führt seit zwei Monaten eine Kreisverwaltung im Ausnahmezustand. Foto: Althoff

Zahl der Infizierten sinkt wieder

Montagvormittag, Kreisverwaltung Gütersloh. Sven-Georg Adenauer sitzt in seinem Büro im ersten Stock. Er wirkt lockerer als in den vergangenen Wochen, was daran liegen mag, dass die Zahl der Corona-Infektionen seit Tagen sinkt. Trotzdem bestimmt das Virus weiter den Arbeitsalltag. Für den Nachmittag steht die nächste Sitzung des Corona-Krisenstabs in seinem Terminkalender. „Vielleicht wissen wir bis dahin schon mehr”, sagt der Landrat.

Denn seit dem Morgen simulieren Experten sieben Kilometer entfernt in der Fleischfabrik Tönnies mit Rauch die Verbreitung des Virus in der Luft. Der Hygiene-Experte Professor Martin Exner von der Universität Bonn hatte vor Wochen die These aufgestellt, die filterlose Luftumwälzungsanlage könne das Virus im Fleischwerk verbreitet haben . Jetzt soll getestet werden, ob sich die Luftmassen effektiv filtern lassen. „Und bevor dass nicht sichergestellt ist, kann das Werk nicht wieder geöffnet werden”, sagt der Landrat.

400 Kreismitarbeiter sind im Corona-Einsatz

Seit 21 Jahren im Amt, führt der Jurist und Enkel Konrad Adenauers seit zwei Monaten eine Kreisverwaltung im Ausnahmezustand. „Von unseren 1300 Mitarbeitern sind 400 im Corona-Einsatz”, sagt er. Sie kontrollieren, ob die Anordnungen des Gesundheitsamts eingehalten werden, sie beantworten Fragen an der Corona-Hotline, sie planen Einsätze für die Teams, die bei Tönnies-Mitarbeitern und ihren Kontaktpersonen Abstriche nehmen. Und sie koordinieren mit der Einsatzleitung die Arbeit der Hilfsorganisationen, ohne die in diesen Tagen gar nichts mehr ginge. „Natürlich bleibt da Arbeit liegen”, sagt der Landrat. Baugenehmigungen zum Beispiel dauerten jetzt länger, weil er acht Mitarbeiter aus dem Amt habe abziehen müssen.

Fast 15.000 Menschen waren zu Spitzenzeiten im Kreis Gütersloh in Quarantäne, Tönnies-Mitarbeiter und ihre Angehörigen. Viele mussten zu Hause mit Essen versorgt werden, es galt medizinische und rechtliche Fragen zu prüfen. „Für so was hat man keinen Plan in der Schublade”, sagt Adenauer. „Das hat uns kalt erwischt.” Denn noch im April habe alles ganz gut ausgesehen: „Wir hatten die Tönnies-Mitarbeiter getestet und unter 6800 Leuten nur sieben Infizierte gefunden. Irre, haben wir gedacht, dann ist der Betrieb ja sauber.” Plötzlich seien es 25 Infizierte gewesen, dann 400 und dann jeden Tag mehr. „Viele unserer Mitarbeiter haben freiwillig ihren Urlaub verschoben und kloppen jetzt seit Wochen Überstunden – einige sogar an den Wochenenden”, sagt Adenauer. Auch er hat seinen Urlaub abgesagt, der für Juli geplant war – zwei Wochen Griechenland.

Solidarität der umliegenden Kreise vermisst

Aus Berlin schickte das Robert-Koch-Institut (RKI) zwei Mediziner, die bis heute im Krisenstab sitzen, und der Leiter des Gesundheitsamts Frankfurt half ebenfalls in Gütersloh aus. .„Was ich vermisst habe, war die Solidarität der anderen ostwestfälischen Kreise”, sagt Adenauer. „Da kam nichts.” Dankbar sei er dem Kreis Paderborn, der als einziger zwei Ärzte geschickt habe. „Ich habe jetzt noch einmal einen Brandbrief an die Bezirksregierung und das Land geschrieben und um Ärzte gebeten.”

Schulen und Kitas zu schließen , als die Infektionszahlen immer höher wurden – das sei für ihn die schwierigste Entscheidung in seiner politischen Laufbahn gewesen, sagt Adenauer. „Aber ich wollte verhindern, dass Kinder von Tönnies-Mitarbeitern das Virus über die Schulen verbreiten und es so auf die übrige Bevölkerung überspringt. Und das haben wir ja letztlich auch geschafft.” Trotzdem habe er sich mit den Schulschließungen und dem Lockdown Feinde gemacht.

„Ich habe viele böse E-Mails bekommen, auch eine Morddrohung.” Und obwohl er die Entscheidung zur Schließung der Fleischfabrik un­terstütze, sei ihm vorgeworfen worden, er und Tönnies seien beste Freunde. Es hieß, er spiele mit dem Unternehmer Golf und mache mit ihm Urlaub auf Mallorca. „Völliger Quatsch!”, sagt Adenauer und lacht. „Ich war noch nie auf Mallorca, und Herrn Tönnies kenne ich so, wie ich auch andere Unternehmer im Kreis kenne. Ich war noch nie bei dem zu Hause.”

Differenzierte Einstellung zu Werkverträgen

Erschrocken sei er darüber, wie viel Hass ihm von einigen Bauern entgegengeschlagen sei, die vor der Kreisverwaltung de­monstriert hatten, weil sie ihre Schweine jetzt nicht mehr loswerden . „Ich bin rausgegangen und habe eine halbe Stunde lang mit denen diskutiert. Die meisten haben eingesehen, dass wir das Fleischwerk nicht einfach öffnen können und damit die Mitarbeiter und die Bevölkerung gefährden. Aber einige waren nicht zu beruhigen”, sagt der Landrat.

Dass Tönnies jetzt die Möglichkeiten des Infektionsschutzgesetzes nutze und sich die Löhne vom Staat zurückholen wolle, die er den Mitarbeitern während der Quarantäne gezahlt habe, sei „rechtlich völlig in Ordnung”, sagt der Jurist. „Aber moralisch kann man natürlich darüber diskutieren. An Tönnies’ Stelle würde ich mir sehr genau überlegen, welches Signal damit verbunden ist. Klar hat das einen komischen Geschmack.”

Die Einstellung des Landrats zum System der Werkverträge ist differenziert. Man dürfe nicht alles verdammen, sagt der CDU-Mann. „Ich kenne zum Beispiel einen Polizisten aus Lettland, der viele Jahre während seines Ur­laubs als Werkarbeiter hier beschäftigt wurde und sehr zufrieden war.” Auch eine Überprüfung von 350 Werksvertragswohnungen durch die Bezirksregierung Detmold zu Beginn der Corona-Krise habe kaum Beanstandungen ergeben. „Natürlich darf man nicht verheimlichen, dass es auch Wohnungen gibt, in denen die Matratzen nicht kalt werden. Ich will nur sagen, dass es eben Unterschiede gibt.”

Vorwürfe gegen Tönnies

Wenn er Clemens Tönnies etwas vorwerfe, dann den Umstand, dass er kranke Arbeiter in seinem Schlachtbetrieb habe arbeiten lassen, sagt Adenauer. „Er hatte uns zugesagt, jeder würde getestet, aber das hat ja offensichtlich nicht funktioniert.” Außerdem werfe er Tönnies vor, dass es Tage gedauert habe, bis der Kreis die Listen mit den Namen der Arbeiter und ihren Adressen bekommen habe . „Wir sind schließlich um 21.30 Uhr mit einer Ordnungsverfügung in die Verwaltung rein, um die Unterlagen sicherzustellen, und hatten sie um halb zwei morgens zusammen. Ich glaube, dieser Betrieb ist einfach zu groß. Dieses unüberschaubare Dickicht von Subunternehmen – ich habe den Eindruck, dass die Firma selber nicht wusste, wie viele Leute bei ihr arbeiten. Die haben den Überblick verloren.”

Dass letztlich alle Menschen aus dem Kreis Gütersloh unter dem Corona-Ausbruch bei Tönnies und dem Lockdown hätten leiden müssen, tue im leid, sagt Sven-Georg Adenauer. „Und ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, dass andere Bundesländer und Österreich Menschen aus unserem Kreis nicht mehr hereingelassen haben. Schließlich standen bei uns alle Infizierten und ihre Kontaktpersonen unter Quarantäne, und von den anderen drohte keine Gefahr. Trotzdem haben die uns wie Aussätzige behandelt.”

Am Freitag ist Kreisparteitag der CDU in der OWL-Arena in Halle. Dann soll Adenauer als Kandidat für die Landratswahl im September nominiert werden. „Ganz ehrlich”, sagt er, „das interessiert mich im Moment nicht. Ich muss sehen, dass der Kreis Gütersloh wieder in die Spur kommt, und mit unseren tollen Mitarbeitern wird das auch gelingen. Viele, wie unsere Gesundheitsamtsleiterin, arbeiten bis zur Erschöpfung. Und trotzdem werden wir alle von einem großen Wir-Gefühl getragen. Darauf bin ich stolz.”

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