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Gütersloh

Hausärztin in Avenwedde findet keine Fachkräfte

Gütersloh (din)

Zum Ende des Monats schließt Dr. Pia Hauertmann-Tassikas ihre Praxis an der Avenwedder Straße 87. Das geschieht nicht freiwillig.

Schließt ihre Praxis: Dr. Pia Hauertmann-Tassikas (Mitte) mit ihren Mitarbeiterinnen Svetlana Schojan (links) und Susanne Koch.

Gütersloh (din) - „Ich muss schließen, weil mir Fachkräfte fehlen“, sagt die 61-Jährige auf Nachfrage. Die Ärztin beschäftigt zwei medizinische Fachangestellte (MFA) in Teilzeit. Beide hätten Kinder. Eine wechsle an ein Krankenhaus. Die zweite ziehe um, sagte Hauertmann-Tassikas.

Nur eine Interessentin meldet sich

Sie habe sich um Ersatz bemüht, aber da sei nichts zu machen. Nur eine Interessentin habe sich gemeldet, und die habe auch nur Blut abnehmen wollen. In einer kleinen Praxis wie ihrer müsse die Fachkraft aber alles machen – vom Wechseln von Verbänden über Blut abnehmen bis zum Telefondienst. 

Die meisten MFA orientierten sich zu größeren Praxen oder Krankenhäusern, sagt die Medizinerin. Vor zwei Jahren war sie schon einmal an diesem Punkt, konnte damals aber über die Vermittlung von Patienten Mitarbeiterinnen finden. Zeitweise sei sie mit einer Helferin allein gewesen. 

Größere Praxen hätten nach Bekanntwerden der Schließung angefragt, ob sie nicht noch Mitarbeiterinnen vermitteln könne. „Ich wollte weiterarbeiten und hätte gern noch zehn Jahre gemacht“, sagt Hauertmann-Tassikas. 

Patienten „sind sehr traurig“

Tatsächlich würde sie gern als angestellte Ärztin in einer anderen Praxis mit reduzierter Stundenzahl arbeiten, sagt sie. Das müsse sich finden. Leid tut es der Medizinerin um ihre Patienten. Sie seien „sehr traurig“, sagt die Ärztin. Die meisten seien schriftlich oder telefonisch informiert worden. 

Gerade für die Älteren, die teils zu Fuß, mit Rollator, Stock oder Rollstuhl zur Praxis gekommen seien, bedeute das einen Verlust, zumal die Apotheke direkt nebenan liege und es gute Parkmöglichkeiten gebe. Hauertmann-Tassikas bedauert das nach eigenen Worten auch deshalb, „weil ich viele Patienten und ihre Kinder schon so lange kenne“. 

Viele Praxen sind überlastet

Es tue ihr „in der Seele weh“. Problematisch könnte es für einige Patienten werden, weil viele Praxen so überlastet sind, dass sie offiziell keine neuen Patienten mehr aufnehmen. Eine Frau sucht bei Facebook im Internet in einer Gütersloh-Gruppe um Hilfe: „Meine Hausärztin schließt kurzfristig ihre Praxis. Welcher Hausarzt nimmt noch Patienten auf?“ 

Fast 24 Jahre hat die Avenwedderin ihre Praxis geführt. 63 Jahre gab es sie insgesamt. Schon die Eltern waren Mediziner. Der Vater Johannes Hauertmann öffnete seine Praxis 1955 erst in Varensell und zog wenige Jahre später nach Avenwedde. Kurz darauf machte Die Mutter Maria Hauertmann-Englisch im selben Haus ebenfalls eine Praxis auf. 

Mutter arbeitet bis zum 75. Lebensjahr

Der Vater erlitt später einen Schlaganfall und führte seine Praxis mit Einschränkungen noch 17 Jahre bis zu seinem Tod 1998 weiter. Die Mutter übernahm den Patientenstamm und arbeitete bis 75, was laut Hauertmann-Tassikas damals die Altersgrenze war. Schließlich übernahm die Tochter die Praxis und führte sie bis heute weiter.

Hauermann-Tassikas beam vier Kinder, die heute 30, 25, 20 und 13 Jahre alt sind. Ihre Mutter half ihr bis zum Tod bei der Betreuung der Kinder. Die Praxis habe „schmale Öffnungszeiten“ gehabt. So habe sie Kinder und die Praxis unter einen Hut bekommen. 

Einzelpraxen sind „Auslaufmodell“

„Mein Beispiel zeigt, man kann es gut kombinieren“, sagt sie. Gleichzeitig verweist die Medizinerin darauf, dass Einzelpraxen ein „Auslaufmodell“ seien. Der Trend gehe zu medizinischen Versorgungszentren. Mit Blick auf den Ärztemangel stellt die Avenwedderin den Numerus Clausus in Frage. Er führe dazu, dass manche, die gute Mediziner werden könnten, nicht die Möglichkeit dazu hätten. 

Kritisch begleitet sie die Digitalisierung in den Praxen. Elektronische Patientenakten und Systeme seien störanfällig. Die Praxisräume übernimmt ihr Mann, der Unternehmer Dimitrios Tassikas. Einen Raum will die Ärztin behalten für die Akten und Möbel, die teils noch von ihren Eltern stammen. „Sie haben sich beide gefreut, dass ich das weitermache“, sagt Hauertmann Tassikas noch.

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