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Johanneswerk-Chef Dr. Bodo de Vries kritisiert Finanzierung der stationären Pflege

»In die Armut getrieben«

Gütersloh (WB). Pflegebedürftige in Altenheimen zahlen in Nordrhein-Westfalen einen Eigenanteil von durchschnittlich 2400 Euro im Monat. Für Dr. Bodo de Vries, Geschäftsführer des Evangelischen Johanneswerks, steht fest: »Alte Menschen werden in Deutschland in die Armut getrieben.«

Michael Delker

»Wie hoch muss meine Rente sein, wenn der Eigenanteil im Durchschnitt bei 2400 Euro liegt?«, fragt Dr. Bodo de Vries. Foto:

Das Johanneswerk betreibt in Gütersloh das Wilhelm-Florin- und das Katharina-Luther-Haus, insgesamt hält der diakonische Träger 3500 Plätze in der stationären Pflege bereit. »40 Prozent unserer Bewohner sind von der Sozialhilfe abhängig. Eigentlich müssten die Bürgermeister hier sitzen und eine Grundsatzreform der Pflegeversicherung einfordern«, sagt de Vries, der auch Vorstandsvorsitzender des Deutschen Evangelischen Verbandes für Altenarbeit und Pflege (DEVAP) ist.

Bei der Einführung der Pflegeversicherung 1996 habe Minister Norbert Blüm von einer »Teilkaskoversicherung« gesprochen. »Der hat uns etwas in die Tasche gelogen«, meint de Vries und prangert einen Konstruktionsfehler an. Demnach zahle die Pflegeversicherung nur einen festen Sockelbetrag. Jede Kostensteigerung (Tariferhöhungen, bessere Qualitätsstandards) erhöhe den Eigenanteil der Pflegebedürftigen.

Eigenanteil auf 300 Euro im Monat begrenzen

»Wie hoch muss meine Rente sein, wenn der Eigenanteil im Durchschnitt bei 2400 Euro liegt?«, fragt de Vries. Hinzu komme, dass die Menschen immer älter würden. 2004 hätten in Deutschland 3400 Paare ihren 65. Hochzeitstag gefeiert (Eiserne Hochzeit). 2016 seien es bereits 13.200 gewesen. »Was passiert, wenn beide pflegebedürftig werden oder ein Partner allein zu Hause zurückbleibt und weiterhin seinen Unterhalt bestreiten muss?«, so de Vries.

Sein Verband fordert die Umkehr der Kostenlast, den so genannten »Sockel-Spitze-Tausch«. Danach sollen die Pflegebedürftigen in den Seniorenheimen für die Pflegeleistung nur noch einen festen Sockelbetrag in Höhe von monatlich 300 Euro zahlen müssen. Für die weiteren Kosten soll die Pflegeversicherung aufkommen. Ein entsprechendes Reformpapier hat der DEVAP dem Gesundheitsausschuss des Bundestages bereits vorgelegt.

Zur Refinanzierung kann sich de Vries höhere Pflegeversicherungsbeiträge oder den Einsatz von Steuergeldern vorstellen. Und er sieht die Krankenkassen in der Pflicht. Bislang übernehmen sie die Kosten, wenn der Pflegebedürftige ambulant in den eigenen vier Wänden behandelt wird. »Sobald die gleichen Leistungen in einer Pflegeeinrichtung in Anspruch genommen werden, werden sie nicht mehr von der Krankenkasse finanziert und ich muss die Kosten selbst tragen«, kritisiert de Vries.

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