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Knochenbruch nach Sturz vom Fahrrad übersehen: 23-Jährigem droht Rollstuhl

Krankenhaus zahlt 200.000 Euro

Gütersloh (WB). Das ­Gütersloher Sankt-Elisabeth-Hospital zahlt einem 23-jährigen Patienten 200.000 Schadenersatz und Schmerzensgeld.

Uwe Koch

Im St.-Elisabeth-Hospital wurde eine Knieprellung diagnostiziert, tatsächlich war aber der Oberschenkel gebrochen. Foto: Wolfgang Wotke

Dieser Vergleich ist jetzt vom Landgericht Bielefeld bestätigt worden. Die 4. Zivilkammer hatte der Klinik eine sechsstellige Summe zur Zahlung empfohlen, nachdem in der Notaufnahme ein Oberschenkelhalsbruch übersehen worden war. Ein Gutachter wertete das als »schwarzes, trauriges Kapitel ärztlicher Heilkunst«.

Im Dezember 2010 stürzte der damals 17-jährige Schüler während einer Radtour in Gütersloh auf eisigem Untergrund. »Ich hatte auf der gesamten linken Seite Schmerzen. Ich konnte nicht ohne fremde Hilfe aufstehen oder gehen.« Mit einem Rettungswagen wurde er ins Sankt-Elisabeth-Hospital gefahren und bekam noch unterwegs Schmerzmittel. Im Krankenhaus wurde er auf einer Trage zur Behandlung in die Notaufnahme gefahren.

Dort konzentrierte sich die Aufmerksamkeit eines Arztes allerdings nur auf das linke Kniegelenk, da der Jugendliche vor allem dort Schmerzen verspürte. »Ein Fehler« wie der Neusser Orthopäde Professor Dr. Jörg Jerosch als Gutachter vor dem Landgericht Bielefeld kritisierte.

Lediglich das Kniegelenk geröntgt

Tatsächlich wurde lediglich das Kniegelenk des jungen Mannes geröntgt. Der 17-Jährige wurde mit der Diagnose »Knieprellung« entlassen. Der Hausarzt solle die weitere Versorgung vornehmen, denn das sei »nicht so schlimm«. Das hatte fatale Folgen: Das Unfallopfer war bis Ende Januar bettlägerig. »Ich hatte unglaubliche Schmerzen.«

Erst im April 2011 wurde ein Oberschenkelhalsbruch des linken Beins als Ursache der Schmerzen entdeckt. Im November musste dem jungen Gütersloher ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt werden. Der heute 23-jährige Mann kann sich jetzt nur noch humpelnd fortbewegen. An Sport ist nicht mehr zu denken. Dr. Jerosch prognostizierte ihm »in vermutlich 15 bis 20 Jahren« eine weitere Hüftprothese. Es sei nicht ausgeschlossen, dass er auf einen Rollstuhl angewiesen sei, sollte es nach einer Folgeoperation »zu einer Infektion kommen«.

Arzt hätte hellhörig werden müssen

Der Gütersloher klagte vor dem Landgericht auf Zahlung von 60.000 Euro. Er stützte sich dabei auf die Expertise einer dem Prozess vorgeschalteten Gutachterkommission. Dort sprach der Sachverständige von einem »traurigen Kapitel ärztlicher Heilkunst« in dem Krankenhaus. Professor Jerosch wurde noch deutlicher: Das Unfallopfer habe damals kaum die Schmerzen lokalisieren können, da das im Rettungswagen gereichte Schmerzmittel die Symptome verschleiert habe.

Angesichts der beklagten Knieschmerzen hätte der Arzt hellhörig werden müssen. »Jugendliche klagen häufig über Schmerzen des Knies, wenn die Hüfte betroffen ist.« Selbst die Wirbelsäule und eventuell auch die Schulter hätten untersucht werden müssen. »Dann wäre die Fraktur entdeckt worden, eine Hüftoperation hätte vermieden werden können.«

Die 4. Zivilkammer des Landgerichts unter Vorsitz von Dr. Matthias Windmann regte einen Vergleich mit einer Zahlung von mindestens 100.000 Euro an. So habe das Oberlandesgericht (OLG) Hamm in einem ähnlichen Fall entschieden. Nach fünf Monaten Verhandlung einigten sich die Parteien jetzt auf eine Zahlung von 200.000 Euro. Damit sind alle gegenseitigen Ansprüche abgegolten. Az.: 4 O 470/13

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