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Gütersloh: Christian Krähling berichtet vom Alltag im Amazon-Logistikzentrum

Ruht der Scanner, droht Abmahnung

Gütersloh (WB). Zum Fun-Tag im Amazon-Logistik-Zentrum Bad Hersfeld kommen alle im Einhorn-Kostüm. Das lockert die Arbeitsatmosphäre enorm auf. Christian Krähling arbeitet dort und kann den IG Metall-Senioren einiges über den Alltagsspaß bei Amazon berichten.

Stephan Rechlin

Schnell zum Auslieferungspunkt und weiter scannen: Arbeitsalltag bei Amazon. Foto: dpa

Krähling hat dort 2009 als Aushilfe im Weihnachtsgeschäft begonnen. Inzwischen bearbeitet er als »Escalation Specialist« Kundenanfragen zur Qualität der Artikel und der Auslieferung. Er ist Verdi-Mitglied und gehört dem ersten Betriebsrat in einem Amazon-Unternehmen an. Deswegen ist er überhaupt noch dort.

Denn 20 bis 40 Prozent der 4000 Mitarbeiter werden nur befristet eingestellt und müssen das Unternehmen kurz vor dem Einklagemonat wieder verlassen. Generell arbeiten sie dort 37,5 Stunden die Woche in zwei Schichten – von 5 bis 15 Uhr und von 15 bis 23 Uhr; Kollegen auf Teilzeitstellen werden je nach Bedarf eingesetzt. Im Alltag ist ein Amazon-Lagerarbeiter mit einem Scanner unterwegs, packt Produkte ins Regal oder holt sie raus. Jeder dieser Handgriffe wird gescannt. Fallen seine Scans unter eine gewisse Zahl pro Stunde, eilt sein Vorgesetzter herbei und fragt, ob alles in Ordnung sei oder er irgendwie helfen könne. Krähling: »Meine Kollegin musste sieben Minuten Scan-Pause mit dem Hinweis begründen, dass sie auf Toilette gewesen sei.« Einfach zwei Minuten herumstehen und miteinander reden, mal kurz durchatmen, könne zu einer Abmahnung führen. Ein Kollege sei 16 Sekunden zu spät zur täglichen Belegschaftsversammlung, den »all hands«, gekommen – und wurde abgemahnt. Über die Kriterien der Leistungsbemessung werde seit sechs Jahren in einer Einigungsstelle gestritten.

Einpeitschrede

Bei den »all hands« erhalten alle Mitarbeiter wie bei Wal-Mart eine Motivations-Einpeitschrede und den täglichen Sicherheitshinweis: Schnürsenkel zubinden, an Treppen die Handläufe nutzen. Amazon zahlt ihnen einen Basisstundenlohn, der nicht tariflich vereinbart, sondern vom Konzern festgelegt wurde. Einsteiger erhalten in »Level 1« 11,18 Euro die Stunde, nach zwölf Monaten 12,89 Euro, nach 24 Monaten 13,04 Euro. Es gibt auch einen Level 2 (14,37 Euro) und einen Level 3 (16,05 Euro). Doch auch die Frage des Betriebsrates, nach welchen Kriterien die Mitarbeiter eingestuft würde, teilte die regionale Geschäftsleitung mit: es gebe keine Kriterien.

Die Tarifforderungen des Betriebsrates und Verdis zielten ins Leere. Die regionale GmbH – für das geplante Logistikzentrum auf der Marburg ist bereits eine gegründet worden – habe kein Verhandlungsmandat. Das habe nur der Mutterkonzern in Brüssel. Forderungen nach Lohnerhöhungen (13,97 Euro auf Level 1) seien nur mit gewerkschaftlichen Druck vor Ort durchsetzbar. Doch der stoße an Grenzen.

Belegschaft spendet Beifall

Als die Geschäftsführer verkündeten, dass es auch im siebten Jahr in Folge trotz eines Umsatzrekords nach dem anderen keine Lohnerhöhung geben werde, stieg gut ein Fünftel der Belegschaft auf die Bierzeltgarnituren, dankte ihren Vorgesetzten und jubelte ihnen zu. Die IG-Metall-Senioren mochten es nicht glauben. Krähling: »Amazon gibt auch Menschen Arbeit, die vorher nur Hartz IV bezogen haben oder zu uns geflüchtet sind. Sie sind dankbar für diese Chance.«

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