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Gütersloh: Miele-Geschäftsführer werfen IG Metall vor, einen Keil zu treiben

Schrille Töne vor dem Werkstor

Gütersloh (WB). Verzicht auf Prämien, flexiblere Arbeitszeiten, neue Bandpausenregelung – was sonst die Ergebnisse wochenlanger Verhandlungen zwischen Miele und IG Metall in schwierigen Zeiten waren, das bietet die Gewerkschaft jetzt schon zum Gesprächseinstieg an. Nicht nur das ist anders im McKinsey-Jahr 2019 bei Miele.

Stephan Rechlin

Die IG Metall schürt Ängste, werfen die Miele-Geschäftsführer der Gewerkschaft in einem Rundschreiben an alle Mitarbeiter vor. Sie treibe einen Keil zwischen Führung und Belegschaft. Die IG Metall kontert: Sie gebe vorhandenen Ängsten nur Ausruck. Foto: dpa

Um zu beweisen, dass Miele auf dem Weg in eine neue Unternehmenskultur ist, hat die IG Metall in dieser Woche Mitarbeiter vor dem Gütersloher Werkstor befragt. Wichtigste Botschaft: die »unbedingte Identifikation« mit dem Unternehmen sei nicht mehr gegeben. In Bielefeld wurden Brezeln verteilt, um die Schließung des Experience Centers in München als weiteren Beleg des neuen, kälteren Umgangs miteinander ins Feld zu führen. In Euskirchen schließlich warnte die IG Metall vor der angeblich kurz bevorstehenden Schließung des Werkes.

Keine Schließung geplant

Dabei ist die Schließung des Münchener Standortes zum 31. Dezember 2019 bereits vor fünf Jahren beschlossen worden und das bevorstehende Ende des Werkes Euskirchen frei erfunden. So ein Vorschlag taucht nicht auf der gestern allen Mitarbeitern zugesandten Untersuchungsliste von McKinsey auf und gehört schon lange nicht mehr zum Werkzeugkasten der gefürchteten Unternehmensberater. Die fünf Geschäftsführer von Miele werten das als Versuch, »einen Keil zwischen die Führung und die Belegschaft« zu treiben.

Diese für das bisherige Verhältnis zwischen Miele und Gewerkschaft eher schrillen Töne weichen stark von dem auf pragmatische, werkbanknahe Lösungen setzenden Konfliktmanagement vergangener Jahre ab. Nicht einmal in der Revolution der Arbeiter- und Soldatenräte von 1919 nahm die Belegschaft von Miele an irgendwelchen Protesten oder Arbeitsausständen teil. In den im Vergleich zu heute weitaus tiefer reichenden Krisen von 2005 (Abbau von 1077 Stellen), 2007 (Verzicht auf Teile des Gehaltes und Weihnachtsgeldes) und 2011 (Ausgliederung der Logistik) wurde hart und zäh miteinander verhandelt, doch niemand hätte je ein böses Wort über den Verhandlungspartner verloren. Miele profitierte von der Organisationsmacht der IG Metall, die errungene Kompromisse in der Belegschaft durchzusetzen wusste. Die Gewerkschaft konnte sich auf das Wort der Miele-Geschäftsführung verlassen.

Die Zentralisierung des Vertriebs

Der Bruch kam nicht mit McKinsey, sondern mit der Zentralisierung von Vertrieb und Service im Jahr 2014. Diese Maßnahme hatte Betriebsrat und Gewerkschaft kalt erwischt. Mit ihnen hatte, im Gegensatz zu früher, vorab niemand darüber gesprochen. Dieses stärker auf Distanz gehende Verhältnis wurde im Betriebsrat als neue, angelsächsische Umgangsweise wahrgenommen. Von wem sie ausging, ist schwer zu sagen – die Berufung des aus den USA stammenden Beratungsunternehmens stellt für den IG Metall-Bevollmächtigten Thomas Wamsler jetzt nur eine logische Konsequenz dar.

Die Forderung der IG Metall nach einem »Standortsicherungs-Tarifvertrag« in Gütersloh ist vor diesem Hintergrund als weitere Provokation gemeint – als gezielt gesetzter Reiz, zur alten Umgangsform zurückzukehren.

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